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Queeres Zentrum in Stendal erhält bei CSD Rückenwind

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Von: Marco Hertzfeld

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Mitglieder der queeren Aktivistengruppe „Schwestern der Perpetuellen Indulgenz“ moderieren den 2. CSD in Stendal.
Mitglieder der queeren Aktivistengruppe „Schwestern der Perpetuellen Indulgenz“ moderieren den 2. Christopher Street Day in Stendal. © Marco Hertzfeld

Der Ruf nach einem queeren Zentrum in Stendal wird lauter. Beim 2. Christopher Street Day nahmen Politiker das schon einmal als Auftrag mit.

Stendal – Zwei Sachen gleich vorweg: Die Regenbogenfahne, das Symbol nicht zuletzt der Schwulen- und Lesbenbewegung, wehte am Rathaus, nachdem sie bei einem Pressetermin gehisst und ausgerechnet vor einer AfD-Kundgebung eingeholt worden war. Und auch die plötzlichen Verkehrsauflagen der Stadt schienen allen selbstverständlich nebensächlich. Der 2. Christopher Street Day (CSD) in Stendal sendete nach der Premiere 2021 vielmehr eine konkrete Botschaft, die insbesondere Marcus Faber, Mitglied in Bundestag und Stadtrat, auch gern als Auftrag annahm, den Aufbau eines queeren Zentrums in der altmärkischen Kreisstadt.

Der Truck des 2. CSD in Stendal bewegt sich durch die Stadt
Dragqueen und CSD-Magnet Tatjana Taft hat für Stendal einen üppigen rosa-schwarzen Kopfschmuck gewählt. Die Plätze auf dem Truck sind in der Regel ziemlich begehrt. © Marco Hertzfeld

Einen trockenen Anlaufpunkt hätte sich der eine oder andere Teilnehmer an Kundgebung, Umzug und Fest sicherlich auch gewünscht, zeitweise schüttete es wie aus Eimern. Die Organisatoren hatten mit mindestens 500 Leuten gerechnet, das Zahl dürfte nicht erreicht worden sein. Eine ganze Truppe aus dem Harz beispielsweise waren die widrigen Umstände so ziemlich egal. „Solche Veranstaltungen helfen, Kraft zu tanken und sich auszutauschen“, sagte ein Teenager aus Wernigerode, der sich keinem Geschlecht zugehörig fühlt. Im Alltag erlebe sie viel zu viele Anfeindungen. Ihren Namen wolle sie bitte nicht in der Zeitung lesen.

Der 2. CSD in Stendal bewegt sich an einer Baustelle vorbei.
Ordnungsbehörden sind an dem Tag mit von der Partie und finden an einer Baustelle ihren eigenen Weg. So oder so: Der Christopher Street Day in Stendal könnte ein fester Bestandteil im Veranstaltungskalender der Kreisstadt werden. © Marco Hertzfeld

Der CSD-Verein aus Magdeburg und die Regionalgruppe Stendal hatten einiges aufgefahren, was in der Szene Rang und Namen hat. Dragqueen Tatjana Taft gilt als Zugpferd und sicheres Fotomotiv. Schwester Rosa-La-Ola Grande und eine nicht minder schillernde Mitstreiterin fühlten mit Mikrofon auf dem Truck unter anderem den Jungsozialisten und der Piratenpartei auf den Zahn. Und: Dass Stendals wohl bekanntester Sohn Johann Joachim Winckelmann, Begründer wissenschaftlichen Archäologie, schwul gewesen sein soll, feierten die beiden Moderatoren. Das Denkmal in der Nähe habe vielleicht einmal eine Regenbogenfahne verdient, hieß es gleich.

Dass eine Gruppe Männer mittleren Alters vom Rande eine Zeit lang das Handy zückte und feixte, ignorierten alle, die es mitbekamen, zumal die Beweggründe ungeklärt blieben. Der bunte Zug durch die Stadt erntete da und dort durchaus Zuspruch, ja sogar freundliches Winken. Die queere Bewegung auch nur einigermaßen in ländlichen Gebieten und Kleinstädten zu verankern, war, ist und bleibt das Ziel des CSD-Vereins mit Falco Jentsch an der Spitze. Das Motto der zweiten Veranstaltung dieser Art in Stendal hieß: „Loud, Proud, Colorful – Jede*r anders, alle gleich“ (Laut, stolz, bunt...)

Auf dem Markt zeigten Parteien und Organisationen Flagge, auch das Theater der Altmark hatten einen Stand aufgebaut. Sarah Connors „Vincent kriegt kein’ hoch, wenn er an Mädchen denkt“ tanzte über die Lautsprecher und Kerstin Ott fragte „Hast du schon einen Regenbogen in Schwarz-Weiß gesehen?“ Der Tross nahm Fahrt auf und bewegte sich in Richtung Stadtseegebiet. Mitunter wurden die Bässe mehr und eine Stimme schrie unter anderem: „Stendal, hörst du uns?“

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