Verfahren am Landgericht Stendal geht weiter

Chat-Falle falsche Identität: Sex-Prozess gegen altmärkischen Pfarrer

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Der Prozess gegen den altmärkischen Pastor (l.) ging gestern am Stendaler Landgericht weiter.

Stendal – Gestern ging am Landgericht Stendal die Verhandlung im aktuellen Prozess um die sexuelle Nötigung in mittelbarer Täterschaft weiter. Angeklagt ist ein 60-jähriger Pastor aus der Altmark.

Ihm wird vorgeworfen versucht zu haben, im August / September 2016 seine frühere Freundin durch Dritte vergewaltigen zu lassen.

Dabei legte sich der Pastor im Internet-Portal einer Sex-Dating-Seite verschiedene falsche Identitäten zu. Damit gab er sich als seine Ex-Freundin aus und forderte mehrere Männer im Chat dazu auf, ihr ihre Vergewaltigungsfantasien zu erfüllen (wir berichteten).

Am gestrigen Verhandlungstag wurden Polizisten, Beamte und IT-Spezialisten, welche die Chat-Verläufe im Internet ausfindig machten und analysierten, sowie das Opfer vernommen. Auch ein psychiatrisches Gutachten des Angeklagten rückte am zweiten Verhandlungstag in den Fokus. Teilweise geschah das wegen der äußerst intimen Details unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Den virtuellen Fingerabdruck verfolgt

Deutlich wurde bereits am ersten Verhandlungstag: Niemand ist heute in Folge der technischen Möglichkeiten bei Polizei und Justiz unsichtbar im Internet unterwegs. Falsche Identitäten, die sich Straftäter oft bei Chats und anderen Kontakten im World Wide Web zulegen, sind zwar ein Problem für die Opfer, doch diese Chat-Falle der falschen Identität kann durch eine gute kriminalistische Ermittlung ausfindig gemacht werden.

Ein geübter IT-Kommissar der Polizei kann nahezu jeden virtuellen Fingerabdruck im Internet ablesen und so die wahre Identität des Nutzers aufspüren. So war es auch beim aktuellen Fall. Die beiden Zeugen machten vor Gericht den Eindruck ganz normaler Kumpel-Typen von nebenan. Auch sie wähnten sich anonym im Netz, als sie dem angeklagten Pastor auf den Leim gingen, der sich mit einem gefakten (gefälschten) Profil im Chat einer Sex-Dating-Seite als junge Blondine ausgab. Beide Zeugen waren sich zum Tatzeitpunkt nicht bewusst, dass sie an einer Straftat (sexuelle Nötigung in mittelbarer Täterschaft) beteiligt waren, die der Angeklagte plante. Der hatte den Männern das Blind-Date-Treffen mit den Worten „Du kannst mit mir alles machen ... Dominanz in jeder Hinsicht“ schmackhaft gemacht.

Ermittler lasen Gesprächsverläufe

Später konnten Ermittler der Kripo nahezu alle Details der perversen Chat-Verläufe für die Zwecke der Beweisaufnahme vor Gericht sichern, wie auch gestern während der Verhandlung deutlich wurde. Weil beide Männer mit der Polizei kooperierten und sie bei den realen Treffen auch nur knapp an einer Straftat vorbeigeschrammt waren, da es zu keinen körperlichen Verletzungen des Opfers kam, wurden die Ermittlungen gegen die beiden eingestellt.

Ob er mit beiden im Chat eine gezielte Auswahl getroffen habe, um mit dem ahnungslosen Opfer gegen ihren Willen harten Sex zu haben, wurde der Angeklagte gefragt: „Ja, ich wollte doch, dass alles gut abläuft“, sagte der Pastor im Zeugenstand. Die Nebenkläger-Vertreterin, Rechtsanwältin Heidrun Ahlfeld, ging mit dem Angeklagten hart ins Gericht. Sie erinnerte ihn als gläubigen Christen an die zehn Gebote und nahm dem Pfarrer sowohl seine Erinnerungslücken als auch seine im Gericht vorgebrachte Reue nicht ab.

Glaubensfrage auf dem Prüfstand

Seit 1993 ist der Pastor verheiratet. Seine Frau wusste nichts von der früheren sexuellen Beziehung zum späteren Opfer, das ebenfalls eine gläubige Christin ist. „Wie geht man als Christ damit um, wenn man Ehe bricht?“, wurde der Pastor gefragt, der sich im Netz als „Blonder Hase“ ausgab, um seine Ex-Freundin durch fremde Männer vergewaltigen zu lassen, anschließend von den Taten Fotos und Videos verlangte. Unter anderem hat „Blonder Hase“ laut der Chat-Verläufe seiner sexuellen Fantasie freien Lauf gelassen. Auch seine Chat-Partner könnten sich vorstellen, beim Treffen gleich an der Tür „Chloroform einzuatmen“ … und „mich zu ..., bis ich wieder aufwache“. Er wollte, so gestand der Pastor vor Gericht, eine Reaktion auf die Chats und Treffen haben und alles unter Kontrolle behalten.

Welche sexuellen Praktiken er seinen Chat-Partnern bei der geplanten Vergewaltigung vorgeschlagen hat, wisse er heute nicht mehr, gab er zu Protokoll. „Ich habe die beiden Männer unter ganz, ganz vielen im Internet ausgewählt“, sagte der Angeklagte, der seinerzeit mehrere Stunden pro Tag beim Chatten vor dem Computer verbracht hatte. An konkrete Chat-Anfragen wie „Ich habe vor, meine Ex-Freundin aufzureißen – willst du mitmachen“, erinnert sich der Angeklagte heute auch nicht mehr. Er hatte mehrere Accounts.

„Ich habe die Kontrolle verloren“

„Ich weiß nicht, wie das alles passieren konnte. Ich wollte ihr kein Leid zufügen. Ich habe die Kontrolle verloren“, sagte der Kirchenmann, der vor Gericht jedoch seine offensichtlichen Rache-Gefühle für die Geschädigte nicht konkret eingestehen wollte und dessen psychiatrisches Gutachten dennoch tiefe Einblicke in das Seelenleben des Pastors offenbarte.

„Wann ein Urteil in dem brisanten Fall zu erwarten ist, kann derzeit noch nicht gesagt werden. Für den 23. und 30. Oktober sind zunächst weitere Verhandlungen am Stendaler Landgericht angesetzt. Dann sollen hauptsächlich Sachverständige zu Wort kommen, informierte der Pressesprecher des Landgerichts Stendal, Dr. Michael Steenbuck.

VON KAI ZUBER

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