Zwei Kreise und die SPD

Burger Landrat Burchhardt über Stendal, Geld und neue Ziele: „Das kann ein echter Erfolgsfaktor sein“

+
Steffen Burchhardt vor dem Landratsamt in Burg. Der gebürtige Magdeburger arbeitete vor Amtsantritt an der Otto-von-Guericke-Universität. Er ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt mit der Familie in Möser.

Burg / Stendal – Sie sind vergleichsweise jung, ehrgeizig, wollen ausdrücklich auch ungewöhnliche Wege gehen und gehören zu den Hoffnungsträgern einer nicht gerade erfolgsverwöhnten Sozialdemokratie. Steffen Burchhardt ist seit fünf Jahren Landrat im Jerichower Land.

Parteifreund Patrick Puhlmann (36) hat er erst vor wenigen Wochen kennengelernt. Was dessen Sieg bei der Stendaler Landratswahl im Dezember für beide Landkreise bedeuten kann, darüber hat die AZ mit dem 38-jährigen Burchhardt in Burg gesprochen. Altmark und Jerichower Land liegen nebeneinander, getrennt durch die Elbe.

Zwischen Patrick Puhlmann und Ihnen gibt es erstaunliche Parallelen. Wie er gewannen Sie in einer Stichwahl gegen einen CDU-Mann überraschend deutlich und wie er erreichten Sie dabei gut 68 Prozent der Stimmen. Was haben Sie Ihrem Genossen denn da bitte vorher alles eingeflüstert?

Am Ende ist eine solche Wahl ein offenes Rennen, wenn in der Bevölkerung eine gewisse Wechselstimmung vorhanden ist und das war bei mir hier gegeben. Die Leute wollten eine Veränderung, mehr Transparenz und frische Ideen. Wahlkampftipps brauchte es nicht. Es gab ein Treffen, bei dem ich ihm geschildert habe, wie der Job am Ende wirklich ist, nämlich erfüllend, aber eben auch sehr anstrengend. Damals hatte er sich noch nicht endgültig entschieden, zu kandidieren. Man muss wissen, was der Beruf von einem verlangt, und für die Region brennen.

Allerhand Parteiprominenz von SPD, Bündnisgrünen und Linken soll Herrn Puhlmann schon am Wahlabend gratuliert haben. Wie sind Sie zu Ihm durchgedrungen?

Da ich weiß, dass viele Menschen Glückwünsche überbringen möchten und man alles so schnell gar nicht verarbeiten kann, habe ich es auf die altmodische Art gemacht und ihm eine einfache SMS geschickt. Die konnte er in Ruhe lesen, als er Zeit dazu hatte. Im ersten Moment ist man überwältigt, es fühlt sich surreal an. Auf der einen Seite hat man viel Respekt vor der Aufgabe, die vor einem steht. Auf der anderen Seite hat man eine riesige Vorfreude. Es ist eine verrückte Gefühlswelt.

Was verbindet Sie mit Patrick Puhlmann außer dem SPD-Parteibuch und das doch recht junge Alter für einen Landrat?

So wie ich ihn kennengelernt habe, hat er auch dieses Feuer in sich und identifiziert sich mit seiner Heimatregion. Er war sich sicher, die Chance zu nutzen, und vor Ort zu gestalten. Es gibt nichts Schöneres, als an der Zukunft der eigenen Heimat mitzuwirken. Ich traue ihm zu, Menschen zu verbinden. Das kann ein echter Erfolgsfaktor sein, wenn er die Kräfte seiner Region tatsächlich bündelt. Wichtig ist auch, erst gar keine Star-Allüren zu entwickeln, die mit einem solchen Amt ja auch verbunden sein können. Er sollte allen Menschen auf Augenhöhe begegnen, sowohl seinen Mitarbeitern als auch den Bürgern. Dann kann diese Region, die es ja nun einmal nicht ganz leicht hat, auch entscheidend vorankommen.

Patrick Puhlmann hat sich im Wahlkampf gern als Querdenker dargestellt. Sie haben bewiesen, einer zu sein, und bei einem Treffen der Linken im Sommer als Landrat gesprochen und ein Ende der Koalitionen mit SPD-Beteiligung auf Landes- und Bundesebene gefordert. Was hat sich mit der neuen Bundesspitze Ihrer Partei für Sie geändert?

Nichts. Es geht nicht um die Parteien oder einzelne Personen, sondern um das gemeinsame Ziel, voranzukommen. Die Koalition in Sachsen-Anhalt stand oft kurz vor dem Ende, genauso wie dieser Tage. Es geht zu oft gegeneinander. Niemand gönnt dem anderen einen Erfolg. Konflikte klärt man intern und versucht, Lösungen zu finden. Ich wollte nur aufrufen, Vernunft walten zu lassen. Wenn es nicht vorangeht und alle unter der Zusammenarbeit leiden, dann sollte man ein Bündnis lieber aufgeben. Faule Kompromisse helfen auf Dauer nicht.

Mit Juliane Kleemann wird eine Stendalerin sehr wahrscheinlich Landeschefin der SPD. Was erhoffen Sie sich von dieser Machtverschiebung nach Norden für das Jerichower Land?

Ich würde nicht sagen Nord und Süd. Das ist eine Dimension, die uns als Sachsen-Anhalter nicht interessieren sollte. Ich möchte keine Nord-Süd-Diskussion. Juliane Kleemann hat vielmehr einen Blick für die Bedürfnisse der Kommunen, sie kommt aus dem ländlichen Raum. Sie hat dort kommunale Verantwortung getragen und weiß deshalb um die Schwierigkeiten ländlicher Räume, die Einwohner verlieren und finanziell schwach ausgestattet sind. Wir werden in Deutschland zwischen Stadt und Land nie gleiche Lebensverhältnisse haben. Aber wir können es angleichen, wenn wir die Mobilität verbessern durch eine Stärkung des öffentlichen Personennahverkehrs. Wenn Busse und Züge ausreichend unterwegs sind, braucht man nicht alles selbst vor Ort, man muss nur gut hinkommen. Der Breitbandausbau ist das zweite große Thema, da sind wir im Jerichower Land schon auf einem guten Weg.

Altmark und Jerichower Land sind sich so nah und doch so fern, fast überall getrennt durch die Elbe. Wo sehen Sie Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede?

Es ist tatsächlich so, dass die Elbe uns trennt. Die Altmark hat einen inneren Kern, um die ich sie ein Stück weit beneide. Der Name steht für etwas, die Menschen identifizieren sich mit der Region, vielleicht sogar mehr als mit dem Namen der beiden Landkreise. Das haben zum Beispiel die Harzer auch, da gibt es ebenfalls mehrere Landkreise. Der Landkreis Jerichower Land hat sehr unterschiedliche Menschen, die sich auch unterschiedlichen Regionen stärker zugehörig fühlen. Was Altmark und Jerichower Land eint, ist die große Fläche und der Fakt, dass beide viele Einwohner verloren haben. Wir haben noch den Vorteil der Nähe zu Magdeburg und die Autobahnanbindung. Dadurch leben eine Menge Pendler bei uns. Es gibt mit Biederitz und Möser sogar Gemeinden, die einen Bevölkerungszuwachs erfahren.

Wie gut kennen Sie sich eigentlich in der Altmark aus?

Ganz gut. Ich habe sogar Familie in der Altmark. Die Oma meiner Frau wohnt nahe Osterburg. Wir besuchen sie regelmäßig.

Über die Elbbrücke bei Tangermünde kommt man recht unkompliziert in Ihren Landkreis und zurück. Ansonsten bleibt die Fähre Ferchland-Grieben. Die altmärkische Seite soll sich nun an den Kosten des Fährbetriebs beteiligen. Wie sehen Sie das?

Wir haben nur diese beiden Verbindungen, sie sind wichtig. Ich wünsche mir grundsätzlich, dass das Land Fähren deutlich mehr als bisher unterstützt. Eine Fähre ist immer eine landesbedeutsame Verbindung. Bis das Land mehr Verantwortung übernimmt, sollten sich in der Tat auch beide Seiten an den Kosten beteiligen und es nicht allein der Trägergemeinde Elbe-Parey überlassen. Auch beide Landkreise könnten sich engagieren, dafür braucht es aber entsprechende Signale aus Stendal und perspektivisch natürlich auch aus Magdeburg.

Mit der neuen Polizeiinspektion ist Stendal für das Jerichower Land verantwortlich. Wie sicher fühlen sich die Menschen dort damit? Nach Burg sind es ja immerhin mehr als 60 Kilometer.

Wir haben bei der Polizei viele Strukturreformen erlebt, sodass wir die aktuelle Änderung gar nicht richtig bewerten können. Unser Bereich ist zuletzt personell gestärkt worden. Wenn es darüber hinaus Stabstätigkeiten gibt, die in Stendal gemacht werden, muss das nicht zu unserem Nachteil sein. Wir haben hier im Wesentlichen mit Einbrüchen entlang der Autobahn 2 zu kämpfen, das ist unser Hauptproblem und für die Polizei ein schwerer Kampf. Sie tun vieles. Wir hoffen, dass personell weiter nachgelegt wird. Dann lässt sich noch mehr Präsenz auf der Straße zeigen.

Auch beim Geld rücken Stendal und Burg zusammen. Die beiden Kreissparkassen führen Fusionsgespräche. Wie ist der Stand der Dinge?

Die erste Verhandlungsrunde hat stattgefunden. Schon die Sondierungsgespräche waren sehr vertrauensvoll. Man hat gemerkt, dass wir ähnliche Ziele verfolgen. Wir loten in kleinem Kreis aus, wie ein gemeinsames Haus später besser dastehen kann, als beide aktuell allein. Wir werden im Frühjahr ein Ergebnis erzielen und dann mit einem gemeinsamen Konzept auf die Verwaltungsräte und die Kreistage zugehen.

Sie sind von Hause aus Volkswirtschaftler. Warum geht die Sparkasse Jerichower Land eigentlich nicht mit der Sparkasse Magdeburg zusammen? Magdeburg ist wirtschaftlich stark und nur wenige Kilometer entfernt.

Das ist eine Entscheidung aus dem Verwaltungsrat heraus. Bei der Option Magdeburg gab es einfach die Befürchtung, man wäre der kleine Juniorpartner und hätte nicht wirklich ein Mitspracherecht und irgendwann zöge sich die größere Sparkasse aus den ländlichen Gebieten stark zurück. Eine Stadtsparkasse funktioniert nun einmal auch anders als die in Landkreisen. Stendal und Burg können die wirtschaftlichen Herausforderungen gemeinsam meistern, davon bin ich überzeugt. Es könnte für die Zukunft passen.

Die Gewerkschaften bangen um Arbeitsplätze. Was sagt ein Sozialdemokrat und der Vorsitzende des Verwaltungsrates der Sparkasse dazu?

Die Ängste sind aus meiner Sicht unbegründet, weil beide Seiten betont haben, dass die Mitarbeiter gebraucht werden. Schon allein wegen der vielen Altersabgänge in naher Zukunft. Jede Sparkasse kann ihre Stärken einbringen, dabei spielen die Mitarbeiter eine zentrale Rolle. Natürlich kann nicht jeder Mitarbeiter seine Aufgabe, die er aktuell hat, behalten, da wird es sicherlich Veränderungen geben. Diese Sorge kann man den Leuten nicht nehmen. Aber es ist kein Mitarbeiterabbauprogramm. Wenn die Gewerkschaft sich einbringen möchte, ist sie doch herzlich dazu eingeladen. Wir sind alle gesprächsbereit, aber bitte persönlich und nicht über die Zeitung.

Amtsinhaber Carsten Wulfänger von der CDU wird das Zepter im März an Patrick Puhlmann übergeben. Wird es mit einem Parteikollegen auf Stendaler Seite einfacher?

Ich glaube, das hat mit dem Parteibuch nichts zu tun. Ich habe einen guten Draht zu Herrn Wulfänger, der mir ja auch bei den Sparkassen-Gesprächen gegenübersitzt. Herr Puhlmann und ich sind ähnlich alt und vielleicht gibt es deshalb extra Schnittmengen. Mit dem neuen Landrat wird es im nächsten Jahr mit Sicherheit ein Gespräch geben, wie beide Landkreise zukünftig noch enger zusammenarbeiten können.

Was braucht es, damit das Jerichower Land und der Landkreis Stendal wirtschaftlich und kulturell stärker zueinanderfinden, vielleicht eine Brücke irgendwo zwischen Jerichow und Burg?

Interessant, denn das würde tatsächlich Barrieren abbauen. Denn letztendlich ist ja auch eine Fähre irgendwie eine Barriere, sie fällt mitunter aus, sie hat nur gewisse Betriebszeiten und man muss für die Überfahrt immer wieder bezahlen. Ich bin aber schon immer Realist gewesen und glaube, dass ein solches Projekt für Sachsen-Anhalt momentan nicht machbar ist. Ich bin aber bereit, zusammen mit Stendal das Gespräch mit Landesvertretern zu suchen. Dass eine Brücke eine Belebung bedeuten würde, ist sicher.

Nach 2014 wird es für Sie im Jahr 2021 wieder ernst. Zur Landratswahl haben Sie Ihren Hut schon 2018 und damit recht früh in den Ring geworfen. Die SPD kann nach einer Durstphase wieder Wahlen gewinnen, Patrick Puhlmann hat es gezeigt, wenn auch mithilfe eines Linksbündnisses. Wie schätzen Sie Ihre Chancen und Herausforderer ein?

Damit beschäftige ich mich nicht. Wir haben viel zu tun, dafür setze ich meine Kraft ein. Letztlich ist es eine reine Personenwahl, die Parteien spielen eine untergeordnete Rolle. Die Menschen werden meine Arbeit bewerten und meinen Einsatz hoffentlich zu schätzen wissen. Ich liebe diese Berufung und meine Heimat. Solange ich viele Ideen habe und das Gefühl, das Jerichower Land weiterzubringen, werde ich meine Kraft anbieten.

VON MARCO HERTZFELD

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare