Blühendes Leben um 1200

Bundesweit „einzigartige Funde“ unter dem Stendaler Marktplatz

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Ausgrabungsleiter Manfred Böhme (l.) mit den Arbeitern vor Ort. Zwölf Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien und Indien sind bei den Ausgrabungen beschäftigt – ein Pilotprojekt des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie.

Stendal. Dass Stendal früher einmal eine Art weitläufige, freie Fläche auf dem Markt hatte, von dem Gedanken kann man sich getrost verabschieden. Das macht Manfred Böhme, Ausgrabungsleiter bei den archäologischen Untersuchungen auf dem Marktplatz, klar.

Stattdessen brodelte im Mittelalter das Leben zwischen kleinen Holzständen, Tierpferchen, Gräben mit Mist und Abfall – und um dominierende Marktgebäude herum. Das sind die ersten Ergebnisse, die nun das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Halle vor Ort präsentiert hat. Die Leiterin des Bereiches Bodendenkmäler sprach von „einzigartigen Funden“ im deutschen Raum.

Oberbürgermeister Klaus Schmotz mit einer Münze aus dem Mittelalter. 450 Kilo Funde haben die Archäologen ausgegraben.

Nahezu zu jeder Zeit gab es demnach eine große Markthalle auf dem heute freien Platz: Um 1200 ein großes Gebäude auf der Nordwest-Seite, was bereits bekannt war, in der frühen Neuzeit dann ein weiteres Gebäude etwa in der Flucht des Rathauseingangs, das man noch auf alten Bildern fand. Und dann während des Hochmittelalters ein bis zu 60 Meter langes, drittes Marktgebäude, das erst bei den aktuellen Grabungen gefunden wurde (AZ berichtete).

Einzigartig an den Funden sei der immense Detailreichtum, stellte Grabungsleiter Böhme heraus. Gefunden wurden unter anderem Keramikstücke aus der Normandie, Münzen und Spielsteine aus Horn. 450 Kilo einzelne Funde hat man bislang aus dem Boden geholt. Damit kann die Nutzungsgeschichte sehr genau beschrieben werden. Böhme: „Was uns neu war, sind die vielen kurz aufeinander folgenden baulichen Veränderungen. Alle zehn bis 20 Jahre wurde etwas verändert.“ Oberbürgermeister Klaus Schmotz kalauerte: „Die haben das damals schon so gemacht wie wir heute...“

Noch bis Ende Mai wollen die Archäologen auf dem bisherigen Teilstück des Marktes nach Hinterlassenschaften der mittelalterlichen Stendaler suchen. Dann muss der Markt erstmal wieder auf Vordermann gebracht werden, damit das alljährliche Rolandfest gefeiert werden kann.

Von Kai Hasse

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