Stadt hakt Trauerstelle nicht ab

Bürger stört sich an Blumen und Kerzen für Unfalltote in Stendal

Blumen, Kerzen und ein Engel aus Holz: An der Stendaler Stadtseeallee wird an eine junge Frau erinnert. Sie starb bei einem Unfall vor zwei Jahren.
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Blumen, Kerzen und ein Engel aus Holz: An der Stendaler Stadtseeallee wird an eine junge Frau erinnert. Sie starb bei einem Unfall vor zwei Jahren.

Stendal – Eine Kerze hat die Nacht durch gebrannt. Nun ist sie erloschen, der kleine Behälter ist noch warm. Links und rechts liegen Blumen, die einen mehr, die anderen weniger frisch.

Die Trauerstelle für ein Unfallopfer an der Stadtseeallee spaltet offenbar die Meinungen.

Wie stark, lässt sich nicht sagen. Irgendjemand stört sich jedenfalls daran und hat sich über den Bürgermelder im Internet an die Stadtverwaltung gewendet und von einer „Entsorgung der Hinterlassenschaften auf dem Gehweg“ geschrieben. Es sei ja traurig, dass dort ein Unfall passiert sei, aber es handele sich nun einmal um keinen öffentlichen Trauerort, zumal dort schon länger ein Weihnachtsgesteck liege sowie alte Kerzen und leere Blumenvasen ständen. Hinter der Meldung von Anfang Oktober hat die Stadt ein grünes Häkchen gesetzt und das Wort „erledigt“. Die Trauerstelle bleibt bestehen.

„Es handelt sich um eine kleine persönliche Trauerstelle, die nach wie vor genutzt wird. Das Trauergesteck ist kein Abfall, wie vom Meldenden suggeriert wurde“, konstatiert Stadtsprecher Armin Fischbach auf Nachfrage der AZ. Der Ort zwischen Stadtseeallee und einem Einkaufsmarkt werde nach wie vor von Angehörigen der verstorbenen jungen Frau genutzt, um dort zu trauern. „Auch eine Gefährdung für Fußgänger und Radfahrer ist eindeutig zu vereinen. Die Stadt kann nicht auf Wunsch eines einzelnen Bürgers tätig werden.“ Ähnlich steht es in der direkten Reaktion auf der Internetseite. Auch das Trauergesteck sei den Kollegen im Außeneinsatz bekannt, erfährt diese Zeitung weiter. Zuletzt sei die Situation vor Ort am Montag überprüft worden.

Mitte August 2018 war es auf der Stadtseeallee zu einem folgenschweren Unfall gekommen. Eine 20-Jährige betrat die Straße am Abend nahe einer ausgeschalteten Ampel. Ein Audifahrer soll mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs gewesen sein, auch Alkohol war offensichtlich mit im Spiel. Die junge Frau wurde vom Pkw erfasst und starb noch an der Unfallstelle. Die Anteilnahme in der Bevölkerung war groß. Der Todesfahrer musste sich vor Gericht verantworten und wurde zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Schon gleich nach dem Unfall lagen Blumen an der viel befahrenen Verkehrsader. „Es gibt in Deutschland, Gott sei Dank, keine Gesetze dazu, wie lange ein Mensch um seine verstorbenen Kinder trauern darf“, zeigt sich Fischbach bewegt. „Vorgaben für eine Trauerzeit wären realitätsfremd und ziemlich pietätlos.“

Der Bürgermelder wurde Anfang des Jahres aufgesetzt und freigegeben. Dies sei eigentlich ziemlich reibungslos verlaufen, Probleme bereitete ein Update der Webseite, das für den Bürgermelder nötig gewesen sei. Viele Bereiche der städtischen Hausseite gerieten durcheinander, auch noch Wochen später traten fehlerhafte Inhalte auf. Insgesamt erreichten die Stadt bislang mindestens 159 Nachrichten über den Bürgermelder. „Mindestens, weil völlig haltlose Meldungen oder schlichter Spam von uns gelöscht werden.“ Grundsätzlich zeigt sich das Rathaus mit der Kommunikation über den Bürgermelder recht zufrieden. „Der absolut größte Teil der Meldungen hat einen höflichen bis neutralen Ton und ist einer solchen Meldeplattform mehr als angemessen. Nur selten wird er Tonfall aggressiv“, schätzt der Stadtsprecher gegenüber der AZ ein.

Auch die Meldung zur Trauerstelle sei ja sachlich verfasst und enthalte keinerlei Anfeindungen. „Dass eine Anfrage dort von uns verneint wird und nicht allzu taktvoll ist, spricht ja erst einmal nicht gegen eine sachliche Kommunikation.“ Und natürlich: Der Bürgermelder soll kein Instrument für Denunzianten sein. „Das ist nach wie vor unser Anspruch, dem wir bislang auch gerecht werden.“ Jede Meldung müsse von der Stadt freigegeben werden und das nicht ohne vorheriger Prüfung. Seien Personen erkennbar, werde der Text bearbeitet, um die Identität geheim zu halten, oder das Ganze gehe schlichtweg nicht ins Netz. Eines möchte Fischbach am Ende noch ganz persönlich loswerden: Die besagte Trauerstelle werde in der Tat weiterhin genutzt. „Es ist nicht so, dass dort zwei Jahre alte verwelkte Blumen und ausgebrannte Kerzen rumliegen.“ VON MARCO HERTZFELD 

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