Stendaler Kaschade-Stiftung beruhigt

Bücherzellen: Vandalismus bleibt aus

Eine Bücherzelle steht auf dem Campus der Hochschule in Stendal.
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Bis auf ein paar unerwünschte Aufkleber zeigt sich die Bücherzelle an der Hochschule makellos. Auch bei anderen Zellen hielten sich viele an die Regeln.
  • Marco Hertzfeld
    vonMarco Hertzfeld
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Die Bücherzellen im Landkreis Stendal sorgen für Gesprächsstoff. Die Initiatoren wollen nun beruhigen. Der anfangs befürchtete Vandalismus ist ausgeblieben. Auch willen sie das Angebot nicht in Konkurrenz zum Bücherbus oder öffentlichen Bibliotheken verstanden wissen.

Prof. Hans-Jürgen Kasche zwischen Regalen der Büchertauschzentrale an der Weberstraße in Stendal.

Die Angst vor einer Zerstörungswut gegen die Bücherzellen im Landkreis Stendal kann Prof. Hans-Jürgen Kaschade, einer der Initiatoren, nicht nachvollziehen. „Der auch von den Betreibern anfangs gefürchtete Vandalismus hat sich zum Glück nicht eingestellt.“ Das sollte sich weiter rumsprechen und bei allen auch ankommen. „Es kann gesagt werden, dass in den ganzen Jahren bei einer Zelle eine Scheibe einmal kaputt gewesen ist, sie wurde ersetzt.“ Und weiter: „Da kann man bei rund 40 offenen Bücherregalen wirklich nicht von einem Risiko ausgehen, dem die Stützpunkte durch Vandalismus ausgesetzt sind.“ Im Kreisschulausschuss war genau davon kürzlich die Rede gewesen.

Prof. Kaschade: Angebot ergänzt Lesebus

Auch von einer möglichen Konkurrenz zwischen den umgerüsteten Telefonzellen und der Fahrbibliothek des Landkreises will der einstige Gründungsrektor der Hochschule in Stendal nichts wissen. Im politischen Gremium ist danach gefragt worden. Die Chefin des Bücherbusses sah, wie berichtet, keinen Konkurrenzgedanken, Mitglieder des Ausschusses auch nicht. Der Professor mit Blick auf die Bücherzellen: „Alle, die in dem Projekt engagiert sind, freuen sich darüber, dass Menschen noch lesen. Je größer das Angebot, je mehr Chancen hat der Leser.“ Und natürlich freue sich die Kaschade-Stiftung auch, „dass der Bücherbus unterwegs ist und über jede öffentliche Bibliothek, die es noch gibt“.

Liebesroman liegt oftmals weit oben

Geschäftsinhaber und Gemeinden mit Büchern auszustatten, dieses Angebot macht die Stiftung seit etwa zehn Jahren. Anfangs ging es allein um öffentliche Regale in Räumen. Das Stendaler Literaturhilfswerk schickte damals Zehntausende Bücher in die halbe Welt, warum also nicht einige auch daheim anbieten. „Da die Stiftung Spracharbeit in jeder Beziehung fördert, wurde die Idee aufgegriffen“, weiß Kaschade. Die Bücher kamen oftmals von Privatpersonen und nicht zuletzt durch Haushaltsauflösungen. Schließlich kam die Stiftung auf die Telefonzelle, tat sich zusammen mit dem Verein der Bücherfreunde und der Stendaler Bürgerstiftung. Die erste Zelle wurde vor gut sieben Jahren aufgestellt.

Weder eine Konkurrenz zu Bibliotheken noch irgendeine Zerstörungswut begleiteten das Projekt. Und selbst wenn es Vandalismus gäbe: „Nur etwas Sinnvolles nicht zu tun, weil es Gefahren ausgesetzt sein könnte, führte zur Verarmung der Gesellschaft. Eine lebendige Gesellschaft muss auch mal etwas riskieren“, ist der gelernte Tischler und studierte Sozialpädagoge überzeugt. Kaschade stammt aus Ostpreußen, lebt in Niedersachsen und einen Teil der Woche in der Altmark. Seit 2017 ist er ob seines vielfältigen beruflichen und ehrenamtlichen Engagements Ehrenbürger der Stadt. Und noch einmal zu den Bücherzellen: In der Regel kümmert sich immer jemand vor Ort um die Regale.

„Gehen Sie aber bitte nicht davon aus, dass irgendjemand da noch Goethe und Schiller sucht, sondern gehen Sie davon aus, dass auch der geheftete Liebesroman nachgefragt ist“, berichtet der 80-Jährige mit Augenzwinkern. Die Stiftung tauscht etwa bei der Hälfte der offenen Regale alle halbe Jahre den Lesestoff aus. Dadurch wisse die Stiftung eben auch, welche Literatur wo stärker nachgefragt sei und wo nicht. Und wer es nicht weiß: Die Stiftung verwertet nur Bücher, die den ursprünglichen Besitzern zu schade sind, gleich weggeworfen zu werden. Die drei oben genannten Organisatoren „leisten damit auch einen Beitrag zum Umweltschutz“, meint Kaschade in dieser Woche gegenüber der AZ.

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