Von Woche zu Woche

Es braucht die Sorgen der Bürger

Wieder laufen an diesem Wochenende besorgte Bürger durch Stendal, vorweg vermutlich einige Demagogen des rechten Randes, die hässliche völkische Parolen rufen.

Die Demonstrationen sind bereits kleiner geworden, und wirklich viele neue Gesichter sieht man dort auch nicht. Zeit, ein wenig die Kirche zurück ins Dorf zu holen. Und Zeit für einige Feststellungen.

Kai Hasse

Es fällt schwer, die Wendung „Besorgter Bürger“ noch als politisch neutralen Ausdruck zu benutzen – und nicht als Schimpfwort. Sie wird schnell gleichgesetzt mit „rechts“. Und das ist gefährlich. Denn einige Sorgen, die es gibt, sind nachvollziehbar und sie müssen unbedingt ernstgenommen werden. Es geht um Unterbringung, Sozialneid, Angst vor dem Fremden oder um das Gefühl, dass die einen mit viel Güte aufgenommen werden, die eigene soziale Schwäche aber von der Gesellschaft einfach gebilligt wird. Und durch Politik und viele Medien wird unbedacht kolportiert, dass die Integration von einer Million Menschen leicht wäre. Zur Erinnerung: Das hat eingangs niemand behauptet. Man hat gesagt: Wir schaffen das. Das stimmt wohl auch. Aber: Es wird nicht leicht. Es wird sehr, sehr schwer, eine Million Menschen zu integrieren. Dafür braucht es die Politik, Verwaltungen, es braucht den Willen der Flüchtlinge und den der Einheimischen.

Und es braucht dazu auch die besorgten Bürger. Man muss auf sie hören. Ihre Sorgen sind Anhaltspunkte für eine sachliche – und nicht geschönte – Auseinandersetzung mit dem Thema Integration. Und auch wenn man nicht mit ihnen einer Meinung ist, muss man so gut wie es geht verhindern, dass besorgte Bürger ausgerechnet vom rechten Rand thematisch „bedient“ werden. Wenn diesen Menschen niemand zuhört – die Rechten tun’s gern. Und so stehen dann Stendaler vor von den Veranstaltern angeheuerten Hetzern, die mangels sachlicher Inhalte völkische Propaganda oder Verschwörungstheorien von sich geben. Die besorgten Bürger hören gefährlichen Menschen zu.

Es ist gut, wenn sich gegen rechte Hetzer eine offene, liberale Gegenbewegung bildet. Sie wird gebraucht. Aber eine Front gegen die „Besorgten Bürger“ ist falsch. Viele von denen stehen nämlich deshalb bei rechten Demagogen, weil sie nicht das Gefühl haben, dass ihnen jemand anders zuhören würde. Sie als „Rechte“ zu stigmatisieren, führt nur dazu, dass sie sich radikalisieren. Und das betrifft nicht nur diejenigen, die vor den Hetzern stehen, sondern auch Menschen aus der schweigenden Mitte der Gesellschaft, die eine ähnliche Sorge bedrückt: nämlich, dass sie sachliche Bedenken nicht äußern können, ohne als „rechts“ abgekanzelt zu werden.

Von Kai Hasse

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