Finanzamt: Einnahmen „nicht bezifferbar“

„Das Zeug ist giftig“ – Bon-Pflicht: Nicht jeder betroffen

Stendal – „Gesetz zum Schutz vor Manipulationen an digitalen Grundaufzeichnungen“ – so heißt das neue Kassengesetz im Amtsdeutsch. Die Bon-Pflicht beruht genau darauf.

Folge der Vorgabe ist, das schriftliche Beleg herausgegeben werden müssen, und zwar in allen Bereichen, wie Handel, Gewerbe und Gastronomie. Die AZ hat sich in der Innenstadt dazu bei Unternehmern umgehört.

Silvia Gohlke spürt kaum Veränderung.

Im Bürogeschäft am Birkenhagen werde „schon immer“, aus Reklamationsgründen, ein Bon mitgegeben, sagt Geschäftsführer Joerg Mahlich. Ein „Hype“ auf ausreichend in seinem Geschäft vorhandene Kassenrollen sei bislang aber ausgeblieben.

Bei Joerg Mahlich gab es keinen „Hype“.

Silvia Gohlke hat in ihrem Friseursalon an der Breiten Straße eine Registrierkasse. Sie sei deswegen bereits auf die Veränderungen vorbereitet. Die Kasse habe eine automatische Bonproduktion, außerdem zahlten viele Kunden mit EC-Karte. Mehrkosten seien bei ihr durch die Pflicht nicht entstanden.

Drei Rollen pro Woche, braucht Heiko Wetzel jetzt.

Ganz anders sieht es da schon in der Konditorei an der Breiten Straße aus. Wo der Bon vorher nur auf Anfrage gedruckt wurde, muss er jetzt jedem Kunden hingelegt werden, sagt Heiko Wetzel. Dies sei ein erheblicher Mehraufwand. Zuerst sei der Bon in die Tüten gepackt worden. „Das Zeug ist giftig“, hätten dann Kunden geschimpft. Nun werde der Bon auf den Verkaufstresen gelegt. Dort ließen ihn die meisten zurück. Manche Kunden würden sogar aggressiv, weil sie nicht verstehen würden, weshalb sie die Bons nun wieder vorgelegt bekommen. Dies sei eine zusätzliche Belastung für die Mitarbeiter. Von etwa 100 Kunden nähmen nur ein bis zwei den Bon überhaupt mit, schätzt Wetzel. Der Ausdruck zur Mitnahme sei auch etwas länger, weil neben Verkaufsdaten auch der Geschäftsname und eine Telefonnummer aufgedruckt sind. Eine als Zwischenlager dienende blaue Plastikkiste müsse etwa dreimal am Tag geleert werden. „Wohin aber dann mit dem Zeug?“, fragt Wetzel. Am liebsten würde er dieses ganze Papier ans Finanzamt schicken.

Die Papierrollen in der Kasse hätten bislang einmal im Monat nachgefüllt werden müssen. Jetzt seien es drei Rollen pro Woche. Eingekauft werde im Internet, weil so bis vor die Haustür geliefert werde. Der Konditorei-Chef habe den Eindruck, mit den gesetzlichen Regelungen werde vor allem der Mittelstand belastet. Auf etwa 1000 Euro schätzt er die Mehrausgaben jährlich für seine Läden in Stendal. Am besten sollten die Kassen per Internet direkt mit dem Finanzamt verbunden werden. So werde es in einigen skandinavischen Ländern gehandhabt, weiß Wetzel.

Das Finanzamt Stendal hat zur Bon-Pflicht auf Anfrage der AZ erklärt, dass es die Möglichkeit gebe, auf Papierausdrucke zu verzichten. Stattdessen könne mit Zustimmung des Kunden ein elektronischer Bon zur Verfügung gestellt werden. Ziel des Gesetzes sei eine gleichmäßige Besteuerung. Die Höhe möglicher Mehreinnahmen sei „nicht bezifferbar.“

VON SIMON GERSTNER

Rubriklistenbild: © dpa

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