Von Woche zu Woche

Der Blick über den Tellerrand

Plattenbau-Siedlungen sind heute immer soziale Brennpunkte. Gebaut in den 1970er / 1980er Jahren, waren sie damals heiß begehrt, weil sie Heizungen hatten. Man brauchte keine Kohlen zu schleppen, die Wohnungen waren preiswert.

Mit der Wende kam der Leerstand – Bund, Land und Kommunen legten Programme auf, um dem zu begegnen. Viele zogen ganz weg, andere in bessere Wohnungen. Es blieben jene Menschen, die dort schon immer gewohnt haben oder denen das Amt die Wohnung bezahlt.

24 Jahre nach der Wende kann man in den Städten mit Plattenbau-Siedlungen die unterschiedlichsten Modelle sehen. In Salzwedel gibt es das Abriss-, Rückbau- und Sanierungsprogramm über den Fördertopf „Stadtumbau Ost“, in Stendal ist das in dieser Woche eingeweihte Tiergartenviertel ein Leuchtturm.

Jede Kommune mit Plattenbau-Siedlungen gibt sich Mühe und überlegt, was man tun kann. Aber würde man zum Beispiel in Salzwedel mal über den Tellerrand blicken, hätte man die Stendaler „kluge Lösung“, wie auch Bauminister Thomas Webel anerkennend sagte, auf die Jeetzestadt zuschneiden können.

Der Perver Berg in Salzwedel ist nach wie vor ein sozialer Brennpunkt, auch wenn punktuell Blöcke rückgebaut und saniert wurden. Im Vergleich zum Tiergartenviertel mutet das allerdings eher armselig an. Ansatz in Salzwedel war es, den Leerstand zu reduzieren und mit energetischen Sanierungen und etwas Farbe Kosten zu drücken und mehr Wohlfühl-Atmosphäre zu schaffen. In Stendal ist das Konzept wesentlich stimmiger. Nicht nur, weil man dort nicht die Asylbewerber verschiedenster Nationen in einen unsanierten Wohnblock stopft, nicht nur, weil manobere Etagen nicht einfach köpft, weil sie schwer zu vermieten sind.

In Stendal hat man im Tiergartenviertel auf altengerechtes Wohnen gesetzt, und zwar rundum. An einen Plattenbau ist zum Beispiel ein kompletter Neubau angebaut worden – mit Fahrstuhl und Begegnungsraum. 31 altengerechte Wohnungen entstanden allein dort. Das Tiergartenhochhaus ist ein Elfgeschosser mit 240 Wohnungen. Dort wurde nicht geköpft, sondern energetisch saniert, es gibt Fahrstühle, die bis auf Straßen-Niveau fahren, Grundrisse wurden verändert, verglaste Loggien mit Blick auf den Stadtsee errichtet. Wer dort jemanden besuchen möchte, muss künftig an einem Concierge vorbei. An einem anderen Plattenbau hat man die Obergeschosse mit einem Laubengang besser erschlossen, um so den Leerstand zu reduzieren. Wintergärten in den oberen Etagen sind zusätzlicher Wohnraum – die Platte ist wieder begehrt. Im Umfeld wurden Sitzbereiche, Parkplätze, Springbrunnen geschaffen, ein Fahrradhaus kommt noch. Und um das altengerechte Wohnen noch angenehmer zu machen, ist im ehemaligen, umgebauten Heizhaus eine Sozialstation (Tagesbetreuungsstätte) eingerichtet worden.

Entstanden sind bedarfsgerechte und bezahlbare Wohnungen in einem attraktiven Umfeld. Kann man das von den Plattenbauten auf dem Perver Berg in Salzwedel auch sagen? Warum geht in der Jeetzestadt nicht, was in der Rolandstadt funktioniert?

Nur mal ein ganz anderes, ganz kleines Beispiel. In Stendal hat die Stadt am Ortseingang das Stadtwappen aus Blumen angelegt. Hübsch anzusehen, der Besucher bekommt gleich einen guten Eindruck. Was im Kleinen in Salzwedel nicht geht, geht offenbar im Großen auch nicht. Was ist so schlimm daran, mal über den Tellerrand zu blicken? Die Stendaler haben bestimmt nichts dagegen, wenn mal eine Busladung voller Salzwedeler Entscheidungsträger in die Rolandstadt kommt, um Ideen zu klauen. Das ist legitim!

Von Ulrike Meineke

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