Stendals Kreischef Bollfraß fordert Mindestlohn auch für Flüchtlinge

DGB baut auf Ausländer: „Arbeit ist genug da“

Peter Bollfraß (70) lebt in Stendal-Stadtsee und fühlt sich dort pudelwohl. Ein führendes DGB-Mitglied wie er müsse die gesamte Entwicklung einer Region im Blick haben. „Wir mischen uns ein, wo es nottut, auch wenn es einigen Leuten nicht gefällt.“ Foto: Hertzfeld

Stendal. „Arbeit ist genug da, basta. “ Peter Bollfraß, Kreisvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), sieht in den Flüchtlingen „zu allererst eine große Chance“.

Die Altmark verliere noch immer Menschen, gerade das Handwerk klage über zu wenig Auszubildende und Facharbeiter. Die Erwerbslosenquote bewege sich immer öfter nur noch im einstelligen Bereich. Migranten sollten so schnell wie möglich arbeiten dürfen. Und der Mindestlohn sollte auch für sie gelten. „Die aktuelle Diskussion halte ich für absolut unangebracht“, ärgert sich der Stendaler über entsprechende Pläne aus der Bundes-CDU. „So kann Integration auf keinen Fall gelingen. “.

70-Jähriger sieht

DGB aus der Krise

Inwieweit die Gewerkschaften selbst von zuziehenden Ausländern profitieren könnten, bleibe abzuwarten. „Wir stehen auch so ganz gut da“, findet der frühere Lehrer. Derzeit zähle der DGB altmarkweit etwa 26 000 Mitglieder, ähnlich viele wie im Jahr zuvor. Circa 60 Prozent leben im Landkreis Stendal, der Rest in der Westaltmark. „Eine Talfahrt, wie es sie anderswo in Deutschland geben mag, kann ich für unsere Region nicht erkennen.“ Nicht mehr erkennen: Nach der politischen Wende befanden sich die Gewerkschaften auch in der Altmark in einer Krise. Mit gerade einmal 18 000 Mitgliedern im Jahre 2004 war der Tiefpunkt erreicht.

Vorsitzender empört:

1. Mai soll bleiben

„Ohne Gewerkschaften sähe es düster aus. Und das wollen wir auch demonstrieren.“ Dass Händler in Erfurt, Suhl und anderen thüringischen Städten dieses Jahr auch am eigentlich arbeitsfreien 1.  Mai, zudem ein Sonntag, öffnen wollen, kann Stendals DGB-Chef nicht verstehen. Regelmäßig gebe es zudem irgendwo im Land einen Vorstoß, den Tag der Arbeit als Feiertag ganz abzuschaffen. „Wenn das tatsächlich passiert, gibt es in Stendal einen Aufstand und viele Leserbriefe in den Zeitungen. Die alten Kämpfer wollen sich zeigen.“

Jedes Jahr strömen mehr als 1000 Menschen in den Tiergarten. Dass dabei auch der kostenfreie Zutritt für diese Zeit eine Rolle spielt, will Bollfraß nur bedingt gelten lassen. „Die Menschen gehen am 1. Mai bewusst auf die Straße, es ist einfach Tradition.“ Die Vorbereitungen für dieses Jahr sind angelaufen. Das bundesweite Motto 2016: „Zeit für mehr Solidarität.“ Andreas Steppuhn (SPD), der frühere Landesvorsitzende der IG BAU, wird in Stendal die Hauptrede halten. „Es soll vor allem um die Ungleichbehandlung von Mann und Frau sowie von Leiharbeitern und Stammbelegschaft gehen. Es gibt da noch zu große Unterschiede im Verdienst und bei den Aufstiegschancen.“

Bollfraß: IG Metall

punktet bei Jugend

Bollfraß ist seit 1992 Kreisvorsitzender des DGB. „2017 werden es 25 Jahre“, wird dem Rolandstädter im Gespräch mit der AZ bewusst. Wenn die Gesundheit mitspielt, will Bollfraß auch noch einige Jahre weiter ehrenamtlich das Zepter führen, obgleich er bereits seit geraumer Zeit insgesamt etwas kürzer tritt. „Es geht voran, das will ich miterleben. Die IG Metall hat gerade bei der Jugend, bei Leuten bis 25 Jahre, zugelegt“, sagt der 70-Jährige, ohne aus dem Stegreif konkrete Zahlen nennen zu können. „Die Kollegen dürften vornehmlich Berufsschüler angesprochen und für eine Mitgliedschaft gewonnen haben.“ Die IG Metall ist hinter der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi die zweitstärkste Kraft im regionalen Dachverband.

„Niemand sollte

Rattenfängern folgen“

Dass der DGB bei der Jugend punkte, sei auch wegen der politischen Großwetterlage wichtig. „Gewerkschaftsarbeit ist auch demokratische Arbeit. Die Jugend ist unsere Zukunft. Sie muss die Demokratie verstehen und leben.“ Für Bollfraß schließt sich da ein Kreis. „Niemand sollte in der Flüchtlingsfrage politischen Rattenfängern folgen. Noch einmal: Flüchtlinge sind eine Chance, gerade für die Altmark. Natürlich muss dafür alles in geordneten Bahnen laufen. Wildwuchs verunsichert alle, Zuwanderer wie Einheimische.“

Von Marco Hertzfeld

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