1. az-online.de
  2. Altmark
  3. Stendal

Saatkrähe: Vogelkundler in Stendal prophezeit Fehlschlag

Erstellt:

Von: Marco Hertzfeld

Kommentare

Saatkrähen haben sich in Nachbarschaft stark beschnittener Platanen in Stendal niedergelassen.
Die schwarzen Punkte auf den Bäumen links sind Saatkrähen. Ob sie nun dort ihre Nester bauen, bleibt abzuwarten. Die Platanen rechts, angestammte Brutbäume, sind ausgeästet worden. Die Vögel haben mehrere Kolonien in der Stadt. © Marco Hertzfeld

Die Baumarbeiten in Stendal sollen nicht zuletzt die Saatkrähe treffen. Ein Ornithologe prophezeit der Stadt bereits dieser Tage einen Fehlschlag. Die pechschwarzen Vögel könnten durch die Rasur angestammter Brutbäume sogar weiter zulegen.

Stendal – Den eingekürzten Platanen der Saatkrähe an Westwall und Bruchweg in Stendal kann Torsten Friedrichs nichts Schönes abgewinnen. Der Vorsitzende des Ornithologenvereins Altmark-Ost hält die Arbeiten im Auftrag der Stadt sogar für kontraproduktiv oder eben produktiv aus Vogelperspektive. Die Tiere werden sich nach seiner Einschätzung einfach neue Brutbäume suchen. „Es könnte dabei zu deutlichen Zuwächsen in anderen Teilkolonien und/oder zur Bildung neuer Kolonien kommen. Das ,Krähenproblem’ ist damit von einem Baum in einen anderen verlagert worden.“ Und in der Tat: Am Wochenende hat sich am Bruchweg ein erstes Bild abgezeichnet: Mehr als zwei Dutzend Rabenvögel sitzen in ähnlich hohen Bäumen anderer Art gleich neben den erst vor wenigen Tagen rasierten Platanen.

Friedrichs: Problem einst hausgemacht

„Die geschnittenen Platanen sehen nach meiner Ansicht grausam aus“, führt der Hobby-Ornithologe auf AZ-Anfrage weiter aus. Und: „Da die Bäume sehr alt sind, wird den Baumpilzen damit Vorschub geleistet worden sein. Soweit die Bäume trotzdem wieder austreiben, ist schon im nächsten Jahr mit einer Wiederbesiedlung der Bäume zu rechnen, da die Krähen die Platane deutlich bevorzugen.“ Die Baumart erreicht Höhen, in denen sich der bei manchem Bürger als Schreihals und Dreckfink verschriene Rabenvogel vor Fressfeinden besonders sicher fühlen kann. Aber natürlich: „Die Krähen können in den geschnittenen Bäumen 2022 nicht brüten.“ Die Stadt arbeitete mit Ausnahmegenehmigung des Landesverwaltungsamtes und führte nicht zuletzt hygienische Gründe ins Feld.

567 Brutpaare allein schon in der Hansestadt

„Da die Maßnahme nicht nachhaltig ist, fallen solche Rückschnittarbeiten alle zwei bis drei Jahre an“, ist Friedrichs überzeugt. Die Saatkrähe sei ursprünglich ein Vogel der Feldgehölze in der freien Landschaft. „Durch intensive Verfolgung vergrämt worden, siedelte er sich inmitten der Städte und Dörfer an, wo der Mensch nicht schießt. Das Problem haben wir selbst beziehungsweise unsere Großeltern verursacht.“ Die Saatkrähe habe es nach erheblichen Bestandseinbrüchen geschafft, „sich dem Menschen eng anzuschließen und dadurch sein Überleben zu sichern“. In der Roten Liste Sachsen-Anhalts sei die Art als ungefährdet eingestuft. „Sie ist allerdings eine geschützte Art.“ Ein Patentrezept im Umgang mit dem Vogel scheint nicht gefunden, nirgends in der Republik.

Mit dem verstärkten Maisanbau in den vergangenen beiden Jahrzehnten sei auch der Bestand deutlich gestiegen. Für 2021 wurden laut Friedrichs für die gesamte Stadt Stendal 567 Brutpaare in 15 Teilkolonien gezählt. Für den Landkreis sind 1266 Brutpaare ermittelt worden. „Die Bestandsentwicklung wird wohl auch weiterhin positiv sein, da wir den Saatkrähen ausreichend Futter wie Mais zur Verfügung stellen.“ Im Winterhalbjahr kämen übrigens Tausende Saatkrähen als Wintergäste und übernachteten gemeinsam an Schlafplätzen zum Beispiel in Arneburg, Tangermünde, Stendal-Röxe. „Die Flugspiele der einfallenden Vögel sind beeindruckend“, schwärmt der Vogelkundler. „Ab Anfang März ziehen die Überwinterer ab und nur die heimischen Brutvögel bleiben bei uns.“

Kommentar von AZ-Redakteur Marco Hertzfeld
Schreihals polarisiert / Mensch sollte Umfeld säen:
Der Mensch muss keine Krähe sein, um diesen Anblick doof zu finden. Doch an schlaueren Lösungen mangelt es bislang. Obgleich die halbe Republik gegen Gezeter und Kot des Vogels zu kämpfen scheint. Manch Brutbaum verschwand wie nebenbei und legal durch Straßenbau. Astschere und Kettensäge kippten alte Nester reihenweise. Und eine Kommune in der Börde setzte gar eine Schallkanone ein. Der Erfolg dürfte überall überschaubar sein. Die Bestände in Städten steigen. Ornithologen sitzen naturgemäß bei den Vögeln oder bestenfalls zwischen den Stühlen. Und doch sollten sie einbezogen sein. Vielleicht könnte eine Lösung ja tatsächlich in einer Art Management des Stadtumfeldes liegen. Landwirte und Naturschützer wären wichtige Partner. Das Geschrei wegen der pechschwarzen Vögel ließe sich dann vielleicht auch ein Stück weit mehr ertragen.

Auch interessant

Kommentare