„Lage mehr als angespannt“

Bauernkrise: Verband kritisiert Politik und fordert Umdenken

Die Landwirte laufen überall in der Republik zur Hochform auf. Die Ernte muss eingebracht und so manches Feld schon wieder für die neue Saison vorbereitet werden.
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Die Landwirte laufen überall in der Republik zur Hochform auf. Die Ernte muss eingebracht und so manches Feld schon wieder für die neue Saison vorbereitet werden.

Stendal – Die Altmark ist Bauernland und das seit vielen Generationen. Deutlich zeichnet sich dort ab, was schieflaufen kann. Wo der Schuh im Dürrejahr noch so drückt, dazu äußert sich Verbandsgeschäftsführerin Kerstin Ramminger im AZ-Interview.

INTERVIEW

In diesen Tagen sind zahlreiche Traktoren und andere Maschinen auf den Straßen zu sehen. Die ersten Erntedankfeste werden gefeiert. Inwieweit ist die Ernte abgeschlossen?

Ramminger: Fast, die Hackfrüchte wie Kartoffeln und Zuckerrüben sind noch im Boden und der Mais wird vielerorts gerade gehäckselt.

Es gab ja die schlimmsten Befürchtungen ob der Witterung. Wie sehen denn die Ergebnisse nun aus?

Die Ergebnisse sind einzuordnen von schlechter als im Dürrejahr 2018 bis durchschnittlich wie in den Jahren 2014 bis 2017 je nach Ortslage in unserem Landkreis. Das macht die Einordnung in diesem Jahr sehr kompliziert.

Kerstin Ramminger ist seit Anfang 2013 Geschäftsführerin des Kreisbauernverbandes Stendal. 

Problematisch wird es bei der Futterversorgung der tierhaltenden Betriebe, durch die hohe Trockenheit 2019 sind zum einen die Defizite aus dem Dürrejahr 2018 aufzufüllen und gleichzeitig Reserven für das jetzige beziehungsweise 2020 aufzubauen. Was letztendlich utopisch und nicht machbar ist bei der Witterung bisher.

Die Herausforderungen scheinen immer größer zu werden. Wie geht es den Bauern damit?

Nach zwei Dürrejahren in unserem Kreis ist die Lage in den meisten Betrieben mehr als angespannt. Eine Reihe verschiedenster aneinandergekoppelten Negativen bringt gerade die tierhaltenden Betriebe aus dem finanziellen Gleichgewicht. Da sind zum einen die stetig sinkenden Milchpreise, die wieder ein Niveau erreicht haben, in dem nicht kostendeckend gewirtschaftet werden kann. Und zum anderen ist es die Weltmarktsituation auf dem Getreidemarkt, hier sinken die Preise aufgrund guter Anbauverhältnisse in anderen Ländern rapide ab.

Inwieweit trifft es wirklich viele in der Branche?

Selbst ökologisch anbauende Betriebe beklagen Verkäufe bei Getreide, die an Preise der konventionellen Landwirtschaft heranrücken. Ganz zu schweigen von den Handelsabkommen, die unsere Regierung auf den Weg gebracht hat. Mercosur, das Freihandelsabkommen mit Südamerika, wird uns einen freien Fall der Preise für Rindfleisch bescheren, welche schon jetzt nicht mehr wirtschaftlich sind.

Das Abkommen ist umstritten, sicherlich. Doch lässt sich die aktuelle Situation tatsächlich so schwarzmalen?

Betriebe, die auch aus Liquiditätsgründen Tiere verkaufen müssen, beklagen einen Preisrückgang von mehr als 30 Prozent auf dem Markt. Aus eigener Kraft eine Stabilität im landwirtschaftlichen Betrieb hinzubekommen, gelingt im Moment nur wenigen. Eine düstere Situation.

Wenn wir schon bei der großen und kleinen Politik sind, was sollten die politischen Vertreter denn in Betracht ziehen?

Die Stärkung der deutschen Landwirtschaft muss oberstes Ziel sein. Alle reden von Klimawandel und Kohlendioxid-Ausstoß, aber bringen ein Abkommen auf den Weg, welches Fleisch per Luftfracht nach Deutschland bringt, das mit Sicherheit nicht an die hohen Standards gekoppelt wird wie einheimisches Rindfleisch, aber günstiger als das unsrige ist.

Nun aber bitte konkret, woran würden Sie drehen, wenn Sie könnten?

Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, in der ein Lebensmittel nicht mehr den Wert besitzt wie zum Beispiel in der Nachkriegszeit. 13 Millionen Tonnen Essen landen jährlich im Müll, das sind 85 Kilogramm pro Mensch und Jahr, eine unvorstellbare Masse und ein Anlass, die Lebensmittelpreise endlich anzupassen. Länder wie Frankreich machen es uns vor, höhere Preise gleich höhere Wertschätzung und niedriger Verbrauch. Warum traut man sich da nicht dran?

Zumindest soll es ja schon Initiativen in dieser Richtung gegeben haben. Doch werden die Landwirte denn wirklich so stiefmütterlich behandelt?

Ständige Erhöhung der Auflagen an die Landwirtschaft ohne einen finanziellen Ausgleich, mehr Flächen für den Naturschutz und ökologischen Anbau – aber alles für lau oder weniger als auf dem bestehenden Weltmarkt und nicht immer bis zu Ende gedacht. Natura-2000-Flächen ohne Düngung oder nur geringste Mengen können einen Milchviehbetrieb in finanzielle Schwierigkeiten bringen, aber es interessiert niemanden. Landwirtschaft ohne Pflanzenschutzmittel funktioniert nicht, sind die Pflanzen krank, muss ihnen geholfen werden. Das gilt auch für die Tierproduktion.

Es hängt wie oft am Geld, aber wie könnte die Politik nun bei den Wetterextremen auf Dauer helfen?

Sie sollte Steuererleichterungen auf den Weg bringen, um Landwirte im Bereich des Risikomanagements zu unterstützen. Um selbst für Krisen wie die Dürrejahre vorsorgen zu können.

Regelmäßig wird auch über viel zu viel Bürokratie in der Landwirtschaft geschimpft. Wenn es das Übermaß so wirklich gibt, was hat sich bewegt?

Verringerung der bürokratischen Lasten und die Verschonung von immer weiteren Investitionserfordernissen bleibt ein Thema. Laut einer Erhebung des Instituts Produkt + Markt müssen Landwirte mit Tierhaltung derzeit im Monat rund 32 Stunden aufwenden, um ihre bürokratischen Pflichten zu erfüllen; etwa vier Stunden oder 14 Prozent mehr als noch 2014. Allein für die Registrierung der Nutztiere und die Dokumentation von Tierarzneimitteln sind monatlich gut zwölf Stunden Schreibarbeit notwendig.

Umweltschutz scheint vielen Menschen wichtig, sorgt aber oft für mehr Regeln. Wie entspannt können Sie das sehen?

Auch die in Kraft getretene Novelle der Düngeverordnung schafft mit verlängerten Sperrfristen bei vielen Betrieben Investitionserfordernisse in Lagerkapazitäten von Gülle, Festmist oder Gärresten oder in neue Ausbringetechnik – und eben auch neuen Bürokratieaufwand.

Einmal ganz böse und zugespitzt gefragt: Es kommt doch eh vieles aus Übersee, wofür brauchen wir denn da noch altmärkische Landwirte?

Landwirte sind nicht nur Arbeitgeber, sie unterstützen die Dörfer und deren Bewohner in vielen Lebenslagen, sind Helfer in Notsituationen wie der Flut und bei Bränden und mit ihrer Technik immer schnell vor Ort, um Dienste zu tätigen, die sich Gemeinden nicht mehr leisten können. Sie sind die Erzeuger unserer wertvollen Nahrungsmittel und wir brauchen die Landwirte, um unseren ländlichen Raum zu erhalten und die Kulturlandschaft zu pflegen. Das tun sie mit viel Herz und Verstand.

VON MARCO HERTZFELD

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