Bestattungsfeld bei Dolle gibt Rätsel auf

Archäologen an der A14: Wetterkatastrophe in der Bronzezeit?

+
Eile ist am künftigen A 14-Abschnitt zwischen Dolle und Lüderitz geboten: Die Straßenbauer folgen den Archäologen auf dem Fuße.

Altmark/Dolle – Entlang der künftigen A 14 zwischen Dolle und Lüderitz wird fleißig gebuddelt – nicht nur von Baufirmen, sondern auch von Archäologen. Diese präsentierten nun ihre ersten Funde.

Es wird fleißig gebuddelt an der Baustelle für die künftige Altmark-Autobahn. Zwischen Dolle und Lüderitz rollen aber noch nicht die großen Baumaschinen. Leute mit Spaten, Pinsel und Schippchen sind damit beschäftigt, auf der gerodeten Schneise den Erdboden zu durchforschen.

Archäologin Antje Lehmann aus Dähre erläutert eine Fundstelle. Eine Million Fundstücke werden erwartet.

Für die Archäologen ist das frei geräumte Baufeld ein traumhafter Arbeitsort. Die Wissenschaftler sind wie die Möwen, die hinter einem pflügenden Trecker reichlich Futter finden. Jahrhundertelang wurde hier nicht gebaut, nicht gegraben. Keiner weiß genau, welche „Schätze“ in dem Waldboden schlummern. Rund eine Million Fundstücke seien zu erwarten, berichtet Landesverkehrsminister Thomas Webel (CDU). Entsprechend zeitaufwendig seien die archäologischen Grabungen. Die Bauleute müssen warten.

Chefarchäologin Susanne Friederich (l.) und Grabungsleiterin Anette Schubert beschreiben die Vorgehensweise.

Schon die ersten Funde lassen Grabungsleiterin Anette Schubert und ihr 15-köpfiges Team jubilieren. Bei Dolle haben sie ein bronzezeitliches Gräberfeld entdeckt. Um 800 vor unserer Zeit waren hier weit über 100 Brandbestattungen niedergelegt worden. „Die Verstorbenen wurden auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Ihre Angehörigen verbrachten Asche und Knochenreste zusammen mit der nicht durch Feuer zerstörten Trachtausrüstung, wie bronzene Gewandschließen oder aus Metall gefertigter Schmuck, in Urnen“, erklärt Schubert. Diese seien in ein sorgfältig vorbereitetes Grab gestellt worden.

Die ungefähr 50 mal 50 Zentimeter großen Grabstellen seien sowohl am Boden als auch an den Seiten mit Steinplatten ausgekleidet worden. Die Oberkante wurde entweder auch mit einem Stein abgeschlossen oder die Urnen waren mit einer tönernen Schale abgedeckt. „In einigen Gräbern aufgefundene Knochensplitterkonzentrationen lassen darauf schließen, dass gelegentlich auch aus organischem Material, wie Holz oder Bast, gefertigte Gefäße als Urne Verwendung fanden. Nur in wenigen Einzelfällen waren die verbrannten menschlichen Reste locker in die Grabstellen eingestreut“, berichtet die Expertin weiter.

Minutiös werden sämtliche Funde erfasst.

Etwa zehn Kilometer entfernt sei bei Colbitz vor einigen Jahren im Zuge des Autobahnbaus ein vergleichbares Urnengräberfeld freigelegt worden, berichtet Chefarchäologin Susanne Friederich, Abteilungsleiterin Bodendenkmalpflege im Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege. „Während dort die Gräber auf fünf übereinander liegenden Etagen in den Boden eingebracht worden waren, fassen wir beim Gräberfeld von Dolle eine lockere Verteilung der Bestattungen“, erläutert sie.

Offenbar sei der sich heute als zwei Hektar großes Gräberfeld darstellende Bestattungsplatz für weitaus mehr Tote angelegt, jedoch viel kürzer als zunächst geplant genutzt worden. Ob die Menschen die Region damals verlassen haben und warum, werde derzeit erforscht. Möglicherweise habe ein Starkregen den fruchtbaren Ackerboden weggespült, sodass 200 bis 300 Jahre lang keine Landwirtschaft betrieben werden konnte.

„Wetterkatastrophen gab es auch schon früher“, weiß Friederich. Und es gab auch schon früher Leute, denen die Spuren der Vergangenheit begegneten. Im 18. und 19. Jahrhundert seien Bauern beim Pflügen immer wieder auf bronzezeitlichen Hinterlassenschaften gestoßen. Wo deren Funde geblieben sind, sei unklar. Wahrscheinlich seien die Tongefäße und Scherben einfach auf dem Müll gelandet. Vielleicht zieren einige auch die ein oder andere Vitrine in der Region.

Die Wissenschaftler von heute gehen natürlich viel sorgsamer vor. Die Bestattungen, insbesondere die Urnen, werden vor Ort auf der Grabung als kleine Blöcke geborgen. Somit sei gewährleistet, dass die archäologischen Arbeiten trotz ihrer Komplexität im Gelände zügig abgeschlossen werden.

„Dann können die Straßenbauer mit ihren riesigen Maschinen anrücken“, sagt Friederich. Die im Block geborgenen Urnen würden anschließend in den Restaurierungswerkstätten des Landesamtes geröntgt. Darauf basierend werde für jede Urne – je nach Verteilung der einzelnen Beigaben und Leichenbrandsplitter in ihr – ein Vorgehen für die anschließende Dokumentation entwickelt.

VON CHRISTIAN WOHLT

Archäologische Ausgrabungen an der A14

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare