Radikale Linke kreuzt vor der Wahl in Stendal auf

Anarchie in ihrer Provinz

Vor dem Bahnhof Stendal formiert sich ein Protestzug der Autonomen.
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Der Protestzug formiert sich. Kurz darauf gibt die Polizei den Weg vorm Stendaler Hauptbahnhof frei. Es geht gemeinsam zum Marktplatz und wieder zurück.
  • Marco Hertzfeld
    VonMarco Hertzfeld
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Vertreter der linken Szene in Sachsen-Anhalt und darüber hinaus sind in Stendal aufgekreuzt. Flagge zeigten sie am Vortag der Landtagswahl 2021.

Stendal – „Aufruhr, Widerstand, es gibt kein ruhiges Hinterland.“ Was gut 150 Autonome und Linksradikale an Parolen nach Stendal tragen, treibt den Bereitschaftspolizisten nicht den Schweiß auf die Stirn. Bei Temperaturen nahe 30 Grad Celsius bewegen sich Demonstranten wie Ordnungshüter gleichermaßen vornehmlich dunkel gekleidet durch die Innenstadt. „Es ist bislang friedlich geblieben, und das dürfte auch so bleiben, wenn das Gegenüber fehlt“, wagt Polizeisprecher Dirk Marscheider im Schatten eine erste Prognose. Er sollte recht behalten, jedenfalls ist bislang nichts großartig Anderes bekannt geworden. Dabei hatte doch der politische Gegner kurzzeitig und gleich zu Beginn mindestens gestänkert.

Landespolizei begleitet alles. Die Bundespolizei, für den Bahnhofsbereich zuständig, bleibt in Stendal im Hintergrund.

Der Bahnhof der Kreisstadt am frühen Samstagnachmittag (5. Juni 2021), ein Bündnis in Sachsen-Anhalt „No Discussion! – Für eine linksradikale Perspektive“ hat zur „Antifademo“ aufgerufen und dafür überregional mobilisiert. Im Internet ist von „rechter Hegemonie in der Provinz“ die Rede. In Wortbeiträgen geht es nun mehrmals um eine Demonstration der neuen Gruppe in Thale und Auseinandersetzungen mit dem politischen Gegner in Dessau. Wenn Provinz abwertend gemeint sein kann, trifft es jedenfalls nicht allein die Ostaltmark und Stendal mit immerhin fast 40.000 Einwohnern. Ein Lautsprecherwagen der Protestierer hat ein Salzwedeler Kennzeichen.

Libertäre prägen das Demobild

Überhaupt scheint ihre Landkarte recht groß und auch wieder nicht. Angereist sein sollen die Teilnehmer nicht zuletzt aus Halle, Magdeburg und der Westaltmark. Libertär geprägte Gruppen und Grüppchen prägen das Bild und nicht unbedingt marxistische oder irgendwelche ganz autoritären. Das Anarchie-Zeichen ist häufig zu sehen, auch der fünfzackige Stern in Schwarz und Schwarz-Rot. Die FAU, eine anarchosyndikalistische Gewerkschaft, hat ein großes Transparent mitgebracht. Die gemeinsame Stoßrichtung ist klar, es geht gegen Rechts, gegen Nazis oder eben Leute, die man für Nazis hält, gegen Kapitalismus, gegen Rassismus und Antisemitismus, gegen das Patriarchat, gegen alle Parteien und den Staat sowieso.

Staatskritik, Antifaarbeit und Klimaschutz geht zumindest für einen Großteil der Teilnehmer in Stendal zusammen.

AfD-Spitzenleute schauen vorbei

Selbst SPD, Grüne und Linke kriegen am Tag vor der Landtagswahl in einem der Redebeiträge ihr Fett weg, eine generelle Wahlskepsis. Dass auf dem Vorplatz fast ausschließlich und ausgerechnet Wahlplakate der AfD hängen, mag ein Zufall sein. Landtagsmitglied Ulrich Siegmund und Bundestagsabgeordneter Matthias Büttner, beide aus der Altmark, sind jedenfalls schon dafür bekannt, sich selbst ein Bild von der Lage und dem außerparlamentarischen Gegner machen zu wollen, das ist an diesem Tag nicht anders. Vermutlich als das die Runde macht, kommt es zu Buhrufen gegen die AfD, diese Partei gehört mehr als andere zum Feindbild. Als sich der Aufzug kurze Zeit später in Bewegung setzt, ist immer wieder zu hören: „Alerta, Alerta, Antifascista!“

Polizei erträgt die Staatskritik

Das Maskengebot gegen Corona dürfte manchem ob der deutlichen Polizeipräsenz vielleicht ganz gelegen gekommen sein, auch wenn die Sonne selbst den härtesten Protestierer zur Atemnot treiben kann. Das Ordnungsamt mahnt bei der Versammlungsleitung wiederholt an, unbedingt die eineinhalb Meter Abstand zueinander einzuhalten. Ein schwarzer Block hat es in Coronazeiten schwer, den Sicherheitskräften sollte das nur recht sein. Die Landespolizei hatte die Lage an diesem Nachmittag im Griff. Inwieweit Teilnehmer, den Klimaschutz und die Verkehrswende auf der Agenda, noch weiter in den Norden nach Seehausen und Wittenberge reisen würden, konnte Stendals Behördensprecher Marscheider in dem Moment nicht sagen.

Eine größere linke Szene ist für Stendal momentan nicht bekannt, für Salzwedel hingegen schon.

Das Bündnis „Keine A 14“ und weitere eher linksalternative Gruppen hatten zu einer Kundgebung auf der Elbbrücke aufgerufen. In der Nähe bei Losse halten zudem Klimaaktivisten nach wie vor einen Wald besetzt. Zuletzt hatte es Übergriffe mutmaßlicher Gegner auf deren Station in Seehausen gegeben.

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