„Eine normale ostdeutsche Stadt“

Anschlag auf Synagoge in Halle: Stendaler DIG-Mitglied sucht nach Erklärungen

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Polizeiwache vor der Neuen Synagoge in Berlin, die mittlerweile mehr ein Museum ist.

Stendal – „Ich finde es sehr ungewöhnlich, dass eine jüdische Einrichtung gar nicht unter Polizeischutz steht, obwohl das abstrakte Bedrohungsszenario immer da ist. “

Dr. Marcus Faber (FDP), Deutsch-Israelische Gesellschaft

Nach dem Anschlag gegen eine Synagoge in Halle sucht auch Stendals Bundestagsabgeordneter Dr. Marcus Faber nach Erklärungen. Dazu gehört für den Liberalen auch die Frage, inwieweit die Sicherheitsbehörden ihre Aufgaben zuvor ausreichend erledigt haben. „Dass es selbst am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur keinen Polizeischutz gibt, ist aus meiner Perspektive – da spreche ich aber nur als einer von 2,2 Millionen Bürgern in Sachsen-Anhalt – fahrlässig. “ Jüdische Verbände haben die Polizei in Sachsen-Anhalt bereits genau in diesem Punkt kritisiert.

Der Attentäter von Halle soll hier zu sehen sein.

Die Ereignisse in der Saalestadt sollten auch Altmärker interessieren. „Halle ist eine normale ostdeutsche Stadt. Was in Halle passieren kann, das kann auch in jeder anderen Stadt passieren.“ In sozialen Netzwerken und gewissen Medien sei eine „verbale Aggression“ wahrnehmbar, die eben „auch umschlagen könne in Gewalt“. Deshalb dürfe man die „Sensibilität beim Umgang mit Minderheiten“ nicht verlieren. Religionsfreiheit und der Respekt vor Minderheiten müssten eine Selbstverständlichkeit sein und dürften nicht nur auf dem Papier stehen. Auch deshalb vertrete er die FDP im Präsidium der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG). Seit gut anderthalb Jahren engagiere es sich dort. Wer über Juden in Deutschland redet, landet oft automatisch bei Israel und umgekehrt.

Der Altmärker hatte gestern eine Nacht über die Ereignisse und die erste Wortmeldung schlafen können. Seine Einschätzung, wenn auch zunächst auf naturgemäß noch unklaren Meldungen aus Halle basierend, habe sich bestätigt. „Wir haben es hier mit einem klar antisemitischen Angriff eines Rechtsextremen zu tun, der am höchsten jüdischen Feiertag die jüdische Gemeinde in Halle angegriffen hat. Das ist dramatisch und das ist ein Ausmaß an Terror, den wir in Deutschland seit Jahrzehnten nicht mehr kannten“, meint der Freie Demokrat im Gespräch mit der AZ. Die Polizei hat einen Tatverdächtigen festgenommen. Der Mann soll eine Fußgängerin nahe der Synagoge und einen Mann in einem nahen Döner-Laden erschossen haben. In die Synagoge mit mehr als 50 Menschen darin gelangte er nicht, die Tür hielt.

In Magdeburg, gut 60 Kilometer von Stendal entfernt, soll schon bald eine Synagoge errichtet werden.

Magdeburg wirbt für eine Synagoge im Zentrum.

Unter anderem macht sich dafür der frühere Stendaler Landrat Gerhard Miesterfeldt von der SPD stark. Faber kennt das Vorhaben und meint: „Wenn es irgendwo genug Menschen einer Glaubensrichtung gibt, sollten diese auch die Möglichkeit haben, sich ein Gotteshaus zu schaffen. Wenn es in Magdeburg eine jüdische Gemeinde gibt, die die entsprechende Größe hat, dann sollte sie auch die Möglichkeit haben, sich eine Synagoge zu bauen.“ Dass die Ereignisse von Halle dazu führen, dass die Pläne zur Sicherheit „kritisch überarbeitet“ werden, kann sich Faber gut vorstellen. „Aber ich hoffe, dass das Projekt als solches durch den Anschlag in Halle nicht infrage gestellt wird.“

Die Neue Synagoge im Herzen Berlins. 

Viele jüdische Einrichtungen in der Republik, auch Schulen und soziale Einrichtungen, müssen von der Polizei geschützt werden. Selbst die Neue Synagoge in Berlin, 1866 eingeweiht, im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, danach in Teilen wieder aufgebaut und längst mehr Museum als Gebetshaus, werden extra bewacht. „Ich finde es schon dramatisch, wenn jüdische Einrichtungen in Deutschland grundsätzlich unter Polizeischutz stehen müssen“, meint der Altmärker. Über das politische Klima sage der Anschlag in Halle schon einiges aus. „Das hätte ich mir ehrlich gesagt vor zehn, 15 Jahren nicht vorstellen können. Wir haben auf der politischen Ebene eine Verrohung der Sprache, die ja von einigen vorangetrieben wird, die dann natürlich zu einer Verrohung bei den Taten führt.“ In Stendal gibt es schon lange keine Synagoge mehr, der Neubau in der Landeshauptstadt Magdeburg soll möglichst bis in den Norden und die Altmark ausstrahlen (die AZ berichtete).

VON MARCO HERTZFELD

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