Angeklagter agierte als „Blonder Hase“

Verhandlung vor dem Landgericht Stendal: Altmärkischer Pfarrer forderte via Internet zu Vergewaltigungsspielen auf

Der Angeklagte, ein Pfarrer aus der Altmark (l.) und sein Verteidiger Reiner Wilkens warten auf das Gericht.
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Der Angeklagte, ein Pfarrer aus der Altmark (l.) und sein Verteidiger Reiner Wilkens warten auf das Gericht.

Stendal – Am gestrigen ersten Verhandlungstag gegen einen altmärkischen Pfarrer wegen sexueller Nötigung in mittelbarer Täterschaft kam die Wahrheit der Tragödie ans Licht.

Neben der Mutter des Opfers traten auch die beiden illusteren Internet-Bekanntschaften in den Zeugenstand. Beide gingen beim Tathergang davon aus, dass das Opfer selbst den Aufruf auf einer Sex-Dating-Seite im Internet samt der „gewünschten“ obskuren Vergewaltigungs-Praktiken verfasst hat. Erst später rochen sie den Braten, dass „hier etwas faul war“, wie sie sagten und ein Dritter, nämlich der Pastor, sie nur für die Befriedigung seiner perversen Phantasien benutzt hätte.

Pastor hat sein späteres Opfer konfirmiert

Angefangen hatte alles bereits viel, viel früher. Nämlich mit dem ersten persönlichen Kontakt des Pastors, als das spätere Opfer gerade zehn Jahre alt war, wie der Angeklagte gestern am Stendaler Landgericht aussagte. Als sie dann 14 Jahre alt war, hat er sein späteres Opfer als Geistlicher konfirmiert. Mit 25 Jahren wurde der Kontakt zu der jungen Dame enger und gipfelte schließlich in einem heimlichen Verhältnis, das vordergründig durch Sex geprägt war, wie es hieß.

Dann wurden die Besuche seltener, es gab mehrere geplatzte oder seitens des späteren Opfers kurzfristig abgesagte Treffen. Bis Ende 2011 die Beziehung dann endgültig in die Brüche ging. Seine Verärgerung deswegen oder sein verletztes Ehrgefühl wollte der Angeklagte auch gestern vor Gericht nicht zugeben. Stattdessen sagte er, sich an vieles nicht mehr erinnern zu können.

Sich unter mehreren Namen im Internet als „Blonder Hase“ und ähnlichen sogenannten Nicknames eingeloggt zu haben, um sich auf der Sextreff-Seite als sein Opfer auszugeben, das konnte der Pastor nicht leugnen, zumal dem Gericht nahezu die gesamten Chat-Verläufe schriftlich vorlagen.

Dann sei für den Angeklagten mit der Identität seines Opfers alles wie im Fieber gegangen, was ihm heute peinlich sei und wofür er sich (nach längerer psychologischer Facharzt-Behandlung) „entschuldigen möchte“.

In den Chats offenbarte der Angeklagte seine sexuellen Phantasien, die er durch Dritte an dem Opfer ausleben lassen wollte. Der Kirchenmann gab vor Gericht an, dass seine einstige Geliebte für Gewalt beim Sex durchaus aufgeschlossen sei. Seine an der wirklichen Frau interessierten Chat-Partner im Internet instruierte der Angeklagte regelrecht und verlangte Bilder und sogar Videos von den arrangierten Sex-Treffen. Doch soweit kam es in der Realität zum Glück nicht, wie die beiden Zeugen gestern aussagten.

Der erste Zeuge sollte sich nach den konkreten Anweisungen des Angeklagten Zugang zur Wohnung des Opfers verschaffen. Auch detaillierte Tipps für das vom Pfarrer virtuell anberaumte Sextreffen gab dieser dem Zeugen mit auf den Weg. Ein parkendes Auto könne der Mutter des Opfers gehören und falls das Opfer mit dem Hund draußen sei, sollte er eben kurz warten. Unter dem Vorwand, mit dem Opfer verwandt zu sein, sollte der potenzielle Sexpartner sich den Zugang zur Wohnung im Mehrfamilienhaus beschaffen.

Genau instruiert: Kaum sexuelle Tabus

Der Pastor, der sich im Internet als das Opfer ausgab, instruierte seine Lockvögel neben einer kompletten Wegbeschreibung auch in Sachen Sex mit dem Opfer: „Ich wehre mich anfangs, aber dann ...“ Die Jungs sollten dann einfach weitermachen. Zu zwei Treffen lockte Rainer H. den ahnungslosen Zeugen. Das erste Date verlief aus sexueller Sicht enttäuschend. Es wurden nur Worte gewechselt. Beim zweiten Mal wurde der Zeuge „schon etwas mutiger“, wie er sagte. Es kam zu einer kleinen Handgreiflichkeit im Schlafzimmer („Du willst es doch auch ...“). Doch die Frau schmiss den aufdringlichen Mann schließlich hinaus. Diesem kamen umgehend Zweifel: „Da ist doch etwas faul?“

Neben dem Vorsitzenden Richter am Landgericht, Ulrich Galler, wollte vor allem dessen Beisitzerin, Richterin Julia Rogalski, die Details über die Internet-Chats via Fake-Account inclusive den Sex-Phantasien des Angeklagten wissen. Härtere Sachen seien „kein Problem“, hieß es. Und: „Am Anfang gibt es Gegenwehr, dann wird alles gemacht.“ Sexuelle Tabus wurden nur wenige genannt.

Zeuge geht zur Polizei: „Das ist völlig abartig“

Immer wieder stachelte der Angeklagte seine Gesprächspartner im Internet an, welche ihn ja für eine blonde, junge, schlanke Frau hielten: „Naja, ich suche einen Mann, der mich grenzenlos .... will, auch wenn ich es nicht will ...“, „Ich hatte schon zwei Vergewaltigungen … auch wenn ich es mir wünsche und es wieder möchte ...“, „Du darfst mich bestrafen ...“ usw.

Dann wurde der zweite Zeuge vernommen. Der 33-Jährige hatte mit dem Pastor gechattet, der sich wieder als „Blonder Hase“ ausgab. Er sollte sie „überrumpeln und zur Not auch fesseln“, hieß es. Doch da war das Opfer bereits vorgewarnt und ließ den Mann mit den eindeutigen Absichten gar nicht erst in ihre Wohnung. Stattdessen überredete sie ihn, mit einem Taxi zur Polizei zu fahren, um Anzeige zu erstatten. Erst dort wurde anhand der Chat-Verläufe im Internet klar, dass ein Dritter sich im Netz mit einem gefälschten Account die Identität des Opfers angeeignet hatte und Straftaten plante. „Meiner Meinung nach ist das völlig abartig“, so der zweite Zeuge gestern dazu vor Gericht.

Mit seiner Hilfe haben die Polizisten dem Angeklagten dann eine virtuelle Falle gestellt. Er habe mit der Frau Sex gehabt und Fotos davon gemacht, log der Mann dem Pastor im Internet vor. Prompt ging der Geistliche auf den Chat ein. Als „Blonder Hase“ schrieb er daraufhin im Internet, er habe oft Vergewaltigungs-Phantasien und möchte sich mit den Fotos befriedigen. Der 33-Jährige half so der Polizei dabei, der wahren Identität des „Blonden Hasen“ auf die Schliche zu kommen.

Gegen beide Zeugen wurde die Anklage (Verabredung zu einem Verbrechen) fallen gelassen. Der 33-jährige Zeuge war geschockt, dass der Pfarrer in Wirklichkeit wollte, dass das Opfer durch einen Dritten vergewaltigt werden sollte. „Die Welt ist heute so krank geworden. Ich habe mich sofort bei der Sex-Dating-Seite abgemeldet“, sagte er gestern.

Schließlich trat die Mutter des Opfers in den Zeugenstand. Ihr sei während der Tatzeit im August / September 2016 eine starke Veränderung bei ihrer Tochter aufgefallen. „Mein Mutterinstinkt zeigte mir, dass etwas nicht stimmt“, so die letzte Zeugin des gestrigen Verhandlungstages. Sie erfuhr schließlich, dass mehrere Unbekannte aus sexuellen Erwägungen zu ihrer Tochter in die Wohnung wollten. Die Mutter spürte die Gefahr. Sie und ihre Tochter hatten Angst, beschlossen die Polizei einzuschalten. Doch wer hatte ein Interesse daran, die Frau zu verletzen, zu quälen und zu erniedrigen. Dass es schließlich der Pfarrer, ein Bekannter der Familie war, erfuhr die Mutter erst aus der Zeitung. Unklar ist für Mutter und Tochter aber bis heute, „was geschehen sein muss, dass ein Mensch diesen Hass und diese Rachsucht entwickeln kann“, schloss die Mutter ihre Aussage.

Prozess wird fortgesetzt

Heute läuft ein weiterer Verhandlungstag in dieser Strafsache. Allerdings ist die Öffentlichkeit größtenteils ausgeschlossen. Wir berichten weiter über den Fall, in dem dem Angeklagten ein Strafmaß von zwei bis 15 Jahren Haft drohen könnte.

VON KAI ZUBER

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