„Als Blitzableiter benutzt“

Schläge und Verbrühungen: Paar steht wegen Kindesmisshandlung vor Gericht

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Ein 34-jähriger Mann steht derzeit vor Gericht, weil er den Sohn seiner Lebensgefährtin misshandelte. Doch anstatt einzuschreiten, half ihm die mitangeklagte Mutter dabei.

Stendal. Der kleine Lukas (Name von der Redaktion geändert) hat schon früh mitbekommen, was häusliche Gewalt bedeutet. Nachdem sich seine Mutter von ihrem Freund getrennt hatte, wurde dieser ihr gegenüber handgreiflich. Der sechsjährige Lukas musste alles mit ansehen.

Als die Frau kurze Zeit später den 34-jährigen B. aus Stendal kennenlernte, sollte alles besser werden. Doch für Lukas kam es schlimmer. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll der Mann den Jungen mehrfach misshandelt haben – und dessen Mutter soll all das billigend hingenommen haben, sogar für ihren Freund gelogen haben, als Erzieherinnen blaue Flecken an dem Jungen entdeckten. Lukas sei im Bad ausgerutscht, habe es damals vonseiten der Mutter geheißen.

aus dem gericht

Seit gestern sitzen die 35-jährige Mutter von Lukas und der 34-jährige B., der im Tatzeitraum eine Rolle in der Erziehung des Jungen spielte, auf der Anklagebank des Landgerichtes Stendal. Der leibliche Vater des Jungen tritt in dem Prozess als Vertreter des Nebenklägers auf. Dem Angeklagten B. wird vorgeworfen, zwischen September 2015 und März 2016 das Kind seiner Lebensgefährtin durch Schläge und heiße Flüssigkeiten verletzt zu haben. Die Mutter des Jungen soll über die Taten nicht nur geschwiegen haben, sie soll Lukas sogar dazu gedrängt haben, kein Wort darüber zu verlieren. Vor Gericht teilt die Anwältin des 34-Jährigen mit, dass alle Taten gemeinschaftlich von dem Paar ausgingen.

„Es tut mir so leid“, lässt die Mutter am Mittwoch mehrfach verlauten. Sie hat dabei Tränen in den Augen. Ihr Lebensgefährte versucht sich zu erklären: „Wir waren in einer absoluten Ausnahmesituation“, so B. So kümmerte sich das Paar zu der Zeit sowohl um die beiden Jungen der 35-Jährigen als auch um die zwei Kinder ihres Lebensgefährten. Von einem Tag auf den anderen habe Lukas dann starke Verhaltensauffälligkeiten an den Tag gelegt. Eine Erzieherin, die im Prozess als Zeugin auftritt, bestätigt das: „Er wurde immer ruhiger und verschlossener. Als wir die Hämatome entdeckten, waren wir alarmiert“. Eine großflächige Verletzung, die durch eine heiße Flüssigkeit entstanden sein muss, wirft noch Rätsel auf. Nach Angaben der beiden Angeklagten sei die Verbrennung beim Duschen entstanden, man wisse aber nicht genau wie.

Der vorsitzende Richter Ulrich Gallert findet für die Taten klare Worte: „Der Junge ist bei all dem Stress als Blitzableiter benutzt worden“. Der Prozess wird heute fortgesetzt.

Von Charlotta Spöring

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