Dr. Rolf Horak von der Hochschule Stendal hat Senioren über ihre Lebenssituation befragt

Älter werden in der Altmark

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Seniorenteff in Berkau: Die Älteren bleiben auf den Altmark-Dörfern zurück. Häufig fehlen Begegnungsmöglichkeiten, hat Dr. Rolf Horak von der Hochschule Stendal herausgefunden.

Stendal. Die Jungen ziehen der Arbeit hinterher, die Alten bleiben im Dorf zurück. Ein Prozess, der in der Altmark schon deutliche Spuren hinterlassen hat. Die Lebenswirklichkeit älterer Menschen hat der Rehabilitationspsychologe Dr.

Rolf Horak von der Hochschule Stendal erforscht. Seine Studenten haben Interviews mit Senioren geführt. Die Altmark-Zeitung hat mit Dr. Horak gesprochen.

Interview

AZ: Herr Dr. Horak, möchten Sie gerne in einem Altmark-Dorf alt werden?

Horak: Im Prinzip ja. Es ist die Landschaft da. Die Leute hab’ ich als herzlich, aufgeschlossen erlebt. Allerdings sehe ich Probleme, „wenn es nicht mehr geht“.

„Landleben macht behindert“, haben Sie gesagt. Wie meinen Sie das?

Horak: Die Mobilität ist eingeschränkt. Es gibt kein Taxi. Man braucht ein eigenes Auto. Was ist aber, wenn ich nicht mehr Auto fahren kann? Dann wäre ich von der Versorgung abgeschnitten.

AZ: Was hat sich gegenüber früher verändert?

Horak: Die Senioren schildern, wie es früher war – und das hat mit Nostalgie nichts zu tun – das Dorf als Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Unabhängig vom politischen System wusste man, wo man hingehörte. Man war eingebunden und auch gar nicht darauf angewiesen, woanders hin zu gehen. Es war alles da, was man brauchte.

AZ: Nostalgisch klingt ihre Forderung: „Der Konsum muss wieder her.“

Horak: Den neuen Konsum sehe ich als Wiederbelebung der Idee des Dorfmittelpunkts, eines Kommunikationsraums.

AZ: Ihr Konsum soll mehr sein als eine Einkaufsmöglichkeit.

Horak: Wenn man was vergessen hat einzukaufen, muss man nicht noch einmal 20 Kilometer fahren. Aber viel wichtiger ist, dass man sich dort treffen kann, dass man sich hinsetzen kann.

AZ: Wie realistisch ist das?

Horak: Es müsste ehrenamtlich laufen. Der Konsum würde sich nicht betriebswirtschaftlich tragen. Dass das dann Konsum heißt, hätte nur nostalgische Gründe.

AZ: Ist das Leben der Alten in der Altmark schwieriger als anderswo?

Horak: Es ist genauso schwierig, denke ich. Das Problem in der Altmark: Es brechen immer mehr öffentliche Verkehrsmittel weg. Wenn keine Kinder mehr da sind, fährt auch kein Schulbus mehr. Hier gibt’s andere Möglichkeiten, wie im Landkreis Salzwedel, mit Rufbussystemen. Wir haben dieses Problem auch in den westlichen Bundesländern. In der Altmark werden aber 40, 50 Jahre Entwicklung auf 20 Jahre zusammengeschrumpft. Dass sich dann Politikmüdigkeit breit macht, ist kein Wunder.

AZ: Ist das Alter auf dem Land nur Last oder auch Lust?

Horak: Das kann man nicht pauschal sagen. Man darf sich nicht soviel Gedanken um „Später“ machen.

AZ: Wie meinen Sie das?

Horak: Wenn man nicht mehr fahren kann – den Nachbarn immer bitten: Bring mir mal ‘nen Kasten Wasser mit? Man möchte sich nicht in Abhängigkeiten bringen.

AZ: Gibt es heute nicht schon genug Möglichkeiten, in der vertrauten Umwelt alt zu werden, etwa Lieferservice oder Pflegedienste?

Horak: Natürlich kann man sein Leben mit dem Internet organisieren, ohne das Haus zu verlassen, aber das ist nicht die Generation.

AZ: Mancher landet im Heim, weil er keinen Pflegedienst organisiert bekommt?

Horak: Ja. Weil er sich nicht mehr sicher in seiner dörflichen Umgebung fühlt. Ängste spielen eine Rolle: Ich liege hilflos da, und keiner bekommt es mit. Und die Informationen sind dürftig. Ich habe noch nie so häufig dieses resignierte „Dann gehe ich eben ins Altenheim“ gehört. Man will niemand zur Last fallen. Das sind Reaktionen, die auf eine große Hilflosigkeit, Uninformiertheit und auch Angst hindeuten.

AZ: Das hört sich sehr deprimierend an. Gibt es nicht doch Möglichkeiten, zu Hause alt zu werden?

Horak: Das Wichtigste wäre, dass eine junge Generation nachfolgt. Das A und O sind Arbeitsplätze. Aber warum machen wir nicht aus der Not eine Tugend? Wir haben in der Altmark Dörfer, wo nur noch Ältere wohnen. Man kennt Beispiele aus England, wo aus Dörfern Pflegedörfer geworden sind.

Von Gerhard Sternitzke

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