Syrisches Ehepaar soll mit seinen beiden Kleinkindern aus Seehausen abgeschoben werden

„Wir sind hier sehr glücklich“

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Mohamed Saleh Al Haghamdo, seine Ehefrau Foza und seine beiden kleinen Kinder Hasan und Marina sollen aus Seehausen in das baltische Estland abgeschoben werden.

Seehausen. Immer mehr Asylbewerber sollen aus Seehausen abgeschoben werden. Vor Weihnachten sollten es der siebenjährige Kevin und seine vietnamesische Mutter sein, kurze Zeit später waren eine syrische und eine tschetschenische Familie von der Ausweisung bedroht.

Am Mittwoch dieser Woche war eine weitere syrische Familie betroffen. 

Die Vorgehensweise der Polizeibeamten erinnerte an einen Actionfilm. Gegen 22.30 Uhr verschafften sich sechs Beamte, ein Vertreter der Ausländerbehörde und ein Arzt Zutritt zur Unterkunft an der Salzstraße, in der der 32-jährige Mohamed Saleh Al Haghamdo mit seiner 20-jährigen Frau Foza und seinen Kindern Hasan (zwei Jahre) und Marina (acht Monate) wohnt. Mit Schlüsseln wurden Haupteingangs- und Wohnungstür geöffnet und dann die Räumlichkeiten betreten. Der Schock saß bei Foza und Mohamed gestern noch sehr tief. Sie sollten mit ihren Kleinkindern zum Frankfurter Flughafen zwar nicht zurück nach Syrien, sondern ins baltische Estland gebracht werden, in jenes Land, wo sie nach ihrer Flucht ein neues Domizil gefunden hatten.

Der Seehäuser Friedemann Nitsch, der sich neben vielen weiteren engagierten Wischestädtern um die Flüchtlinge von Anfang an gemeinsam mit seiner Ehefrau Elisabeth kümmert, ist sprachlos über den „überfallartigen Einsatz“ gewesen und appelliert an die Menschlichkeit der Verantwortlichen. Am Dienstag dieser Woche war er bei der Ausländerbehörde vorstellig gewesen und wusste, dass bis zum kommenden Dienstag, 27. Februar, gegen die Abschiebung – der Ablehnungsbescheid der Asylanträge traf am 13. Februar ein – innerhalb einer zweiwöchigen Frist geklagt werden könne. Für ihn umso unverständlicher, warum in diesem Zeitraum die Syrer Seehausen sozusagen Hals über Kopf verlassen sollten. Rein juristisch sei die Abschiebung nach Estland richtig, aber der Umgang mit den Menschen nicht akzeptabel. Das syrische Ehepaar habe sich in Seehausen gut integriert, Mohamed lernte die deutsche Sprache und wollte im Pflegebereich arbeiten. Er absolvierte bereits ein Praktikum im Seehäuser DRK-Altenpflegeheim. Dessen Leiterin Regine Roger-Knade gab ihm eine „super Beurteilung“, sagt Nitsch. Und bekanntlich gebe es in den Pflegeberufen einen personellen Notstand.

Nach Stationen in Halberstadt und Klietz lebt die Familie seit neun Monaten in Seehausen, lernte Freunde kennen und fühlt sich dort so richtig wohl. „Unsere Tochter wurde in Seehausen geboren. Wir sind hier sehr glücklich und haben viele freundliche Menschen kennengelernt“, sagt Mohamed. Nach Estland, wo er sich drei Monate aufhielt, möchte der Syrer nicht zurück. Gründe seien die Ausländerfeindlichkeit und mangelnde Arbeitsmöglichkeiten. Auch an seine Unterbringung mag er gar nicht denken. Die Wände waren von Schimmel befallen, Heizungen funktionierten bei bitterer Kälte nicht und eine Waschmaschine fehlte ebenfalls. „Mit einem Kleinkind unhaltbare Zustände“, sagt der 32-Jährige.

Die Gefahr der Abschiebung bleibe nach wie vor. Es sei denn, so Nitsch, die Behörden erkennen den Integrationswillen der Familie an und lassen Menschlichkeit walten, um den Neustart in Deutschland gelingen zu lassen.

Von Thomas Westermann

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