Demonstration in Solidarität zu Waldbesetzern von Losse

Autonome lassen es in Seehausen zweimal knallen

Linksradikale und Autonome starten vom Seehäuser Bahnhof, einer Station der Waldbesetzer von Losse, ihren Demonstrationszug.
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Der Demonstrationszug startet am ausrangierten Bahnhofsgebäude, führt durch das Seehäuser Zentrum und wieder zurück.
  • Marco Hertzfeld
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Ein Aufzug von circa 100 Linksradikalen und Autonomen in Seehausen in Solidarität zu den Waldbesetzern von Losse verlief laut Polizei „großenteils störungsfrei“. Die Beamten registrierten zwei gezündete pyrotechnische Erzeugnisse und eine Sachbeschädigung, drei Strafverfahren sind eingeleitet.

Seehausen – Diese linksradikalen und autonomen Gruppen dürften in dieser Stadt mindestens einen guten PR-Berater brauchen. „Die Demo hat mehr Kopfschütteln verursacht, als es die Probleme tun“, resümierte ein Moderator des Aufzugs über den Lautsprecher höchstselbst. Und dass es mit den „Problemen“ so eine Sache ist, könnte nun auch dem letzten Protestierer klar geworden sein, die einen sehen eben welche, die anderen nicht. Das landesweite Bündnis „No Discussion!“ hatte für den Sonnabend (30. Oktober 2021) zu einer Demonstration in Seehausen aufgerufen. Die Teilnehmer übten den Schulterschluss mit den Waldbesetzern von Losse. Die öffentliche Debatte ihretwegen hatte sich zuletzt immer mehr aufgeheizt. Zudem war es zu mehreren Attacken auf Autobahngegner und Verbündete gekommen, hinter denen die rechte Szene stecken soll. An diesem Nachmittag blieb alles friedlich.

Der Demonstrationszug bewegt sich durch das Zentrum der Wischestadt. Einheimische lassen ihn mehr oder weniger links liegen.

Botschaft: Solidarität mit Waldbesetzern

Die Polizei hatte sich eine Stunde vor Beginn der Demonstration vorm ausrangierten Bahnhofsgebäude, dem zweiten Hotspot des lokalen A14-Protests, in Stellung gebracht, die Helme blieben die gesamten gut zwei Stunden unten. Mitarbeiter des Ordnungsamtes achteten auf die Einhaltung der Coronaspielregeln. Das linksradikale Bündnis No Discussion! ist in der Altmark nicht unbekannt. Am Vortag der Landtagswahl im Juni war es in Stendal aufgekreuzt. Großartig mit Behörden und dem politischen Gegner diskutieren wollen diese Gruppen nicht, was sich schon ein Stück weit im Namen niedergeschlagen haben dürfte. In Wortbeiträgen in Seehausen war immer wieder von „rechter Dominanz“ und Ähnlichem im ländlichen Raum die Rede. Ganz offensichtlich sieht man sich von Neonazis umzingelt. Und bitte, auf „Staat, Cops und Politiker*innen“ sei kein Verlass.

Neonazis im Fokus, Politik am Pranger

An die 100 Demonstranten zogen in einem schwarzen und einem bunten Block durch das Zentrum. Zum berühmt-berüchtigten Schwarzen Block der Autonomen vergangener Tage und anderer Zusammenhänge reichte es schon rein zahlenmäßig nicht. Eine Rednerin auf halber Strecke machte da aus ihrem Herzen keine Mördergrube, sie hatte mehr Teilnehmer erwartet. Irgendwann zündete in der Kleinstadt ein Feuerwerkskörper aus den eigenen Reihen, später ein zweiter. Ob die Polizei bei einem dritten Böller tatsächlich den Protestzug aufgelöst hätte, wie von einer Organisatorin über den Lautsprecher gewarnt wurde, muss offenbleiben. Genauso wie die genauen Beweggründe eines Mannes, der vom Straßenrand plötzlich Konfetti aus einem Beutel über Demonstranten schmiss und dabei „divers, divers“ rief. Zu einer größeren Aufregung führte selbst das nicht.

Die Polizei ist am letzten Sonnabend im Oktober in Seehausen mit etlichen Fahrzeugen und Beamten präsent. Von einem Großaufgebot lässt sich nicht reden.

Einige Male stoppte die Polizei einzelne Leute oder auch kleine Gruppen und schickten sie in eine andere Richtung, weg von der Demonstration. Offenbar vermuteten die Beamten mögliche Störer und wollten auf Nummer sicher gehen. Die Protestierer selbst hatten neben einschlägiger Musik, Antifa-Transparenten und einigen szenetypischen Fahnen eine Menge Papier mitgebracht. Die Doppelseite im DIN-A4-Format ist ihnen nicht gerade aus den Händen gerissen worden. Ein Verteiler antwortete auf die AZ-Frage zur Resonanz: „Eher durchwachsen.“ Die Briefkästen entlang der Route konnten nicht abwinken. Am Ende mussten sich viele auch noch sputen. Um 17.20 Uhr fahre der Zug in Richtung Süden, mahnte einer der Moderatoren bei der Abschlusskundgebung am Bahnhof. Ein Schwerpunkt des Bündnisses No Discussion! dürfte im Hallenser Raum liegen.

Landespolizei erlebt stressfreien Einsatz

Auch Altmärker, Szenegänger aus Salzwedel und Stendal, griffen in Seehausen zum Mikrofon. Das half so manchem zufälligen Beobachter am Wegesrand nicht unbedingt weiter. Die Spanne reichte von Desinteresse bis zu offener Ablehnung, aber ja, vereinzelt gab es auch Zustimmung. So richtig umzugehen mit den radikalen Politformeln und Begriffen wie Selbstorganisierung und Anti-Kapitalismus wusste allerdings kaum einer. „Was Linksradikale anrichten können, haben wir hier im Osten erlebt“, wollte ein Mann auf dem Fahrradsattel im AZ-Gespräch unbedingt erinnern. Er zückte sein Handy und machte Fotos aus einiger Entfernung. Dass dort mutmaßlich eher libertäre Autonome und Anarchisten unterwegs waren und keine Marxisten und andere Kommunisten sind womöglich Feinheiten, die eher einen Philosophen und den Verfassungsschutz interessieren könnten.

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