An die Todesopfer des DDR-Grenzregimes im Raum Seehausen erinnert

Viel Blut am Eisernen Vorhang – auch in Seehausen

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Der Plattenweg nach Drösede in der Hackenheide: Von dort wollte sich der gebürtige Sachse Hans-Joachim Damm in den Westen begeben. Er wurde auf der Flucht von einem VP-Oberwachtmeister erschossen.

Seehausen – Der Traum von Freiheit ist für die Altmärker vor 30 Jahren wahr geworden. Am 9. November 1989 sind Mauer und Stacheldraht durchlässig geworden. Bis dahin ist jede Menge Blut geflossen bei all jenen, die den Arbeiter- und Bauernstaat DDR den Rücken kehren wollten.

Rüdiger Kloth mit seinem DDR-Personalausweis, der links einen Passierschein-Stempel enthält.

Informationen zum Thema „Flucht über die die Elbe – die Todesopfer des DDR-Grenzregimes im Raum Seehausen“ gab es seitens der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Birgit Neumann-Becker, am Montagabend in der Seehäuser Salzkirche. Vor Ort war ihr Referent Sven Behrend, der zum Podiumsgespräch eingeladen hatte und zum Zeitpunkt des Mauerfalls gerade 15 Jahre alt war und in Magdeburg lebte. Erinnerungen an die Grenze hatte er so gut wie keine. Da sieht es bei Seehausens Verbandsgemeindebürgermeister Rüdiger Kloth schon ganz anders aus. Er lebte als Aulosener in der Sperrzone und zeigte seinen DDR-Personalausweis, der einen Stempel enthielt, der als Passierschein für den Aulosener Bereich diente. Irgendwie habe man sich mit dem Grenzgebiet arrangiert, meint der Christdemokrat. Dennoch: Er erinnert sich noch gut wie er als Jugendlicher mit Freunden sich in der Hohen Garbe aufhielt, die aufgrund der Nähe zum Westen für DDR-Bürger tabu war. Letztlich wurde die Gruppe von Grenzschützern aufgegriffen und zum Verhör in die Aulosener Kaserne verfrachtet. Kloth nahm es damals gelassen. Nicht gelassen war der junge Mann, als er 1987/88 in Bömenzien wohnte und mit Frau und Kleinkind seine Eltern im benachbarten Aulosen zu Fuß besuchen wollte. Während viele Grenzer die Einwohner kannten, war es diesmal nicht der Fall. Männer, frisch von der Unteroffiziersschule, verrichteten ihren Dienst nach Vorschrift und verlangten die Personalausweise, die der Altmärker nicht dabei hatte. Er ignorierte die Uniformierten und wollte seinen Weg fortsetzen – da passierte es. Die Soldaten entsicherten ihre Maschinengewehre und rissen durch. Da war der Spaziergang vorbei, das schockierte Trio kehrte nach Bömenzien zurück.

Der einstige Notarzt Dr. Walter Fiedler kennt das Grenzgebiet zwischen 1974 und 1989, wo er während dieser Zeit sechs bis sieben Verletzte behandeln sollte. Und er erzählte von zwei spektakulären Fluchten. So entschwand SED-Kreisvorsitzender Werner Barm. Beim Angeln in einem Gewässer nahe der Grenze in der heutigen Verbandsgemeinde Seehausen trat er die Flucht in die Freiheit an. Zudem hatte sich ein Schornsteinfeger bei der Verrichtung seiner Tätigkeit in Stresow vom Leben in der DDR verabschiedet.

Sven Behrend zeigt die Polizeiverordnung von 1952. Damit wurde das Prinzip der Gebietssicherung eingeführt.

Nicht allen war das Glück beschieden. Bei Versuchen, den real existierenden Sozialismus zu verlassen und über die Grenze in die Bundesrepublik Deutschland zu fliehen, gab es allein im nördlichen Sachsen-Anhalt 17 Todesfälle. Diesbezüglich zwei Schicksale: Hans-Joachim Damm, ein 21-jähriger Kaufmann aus Glashütte, starb am 13. März 1952 in der Hackenheide bei Drösede. Erschossen wurde er laut Vernehmungsprotokoll von einem VP-Oberwachtmeister. In der Silvesternacht 1965/66 versuchte Reinhard Dahms an der Königsbrücke zwischen Bömenzien und Kapern seinen Postenführer zur gemeinsamen Flucht in die Bundesrepublik zu überreden. Dieser lehnte ab. Als Dahms dennoch die Grenzanlagen überwinden wollte, fielen die tödlichen Schüssedurch den Postenführer.

VON THOMAS WESTERMANN

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