Waldbesetzer bei Losse wollen von ihren Baumhäusern aus den Dialog suchen

„Für klimagerechte Mobilität“

Waldbesetzer bei Losse
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Seit Mitte April leben die Umweltaktivisten bei Losse und haben dort den Wald besetzt.
  • Thomas Westermann
    VonThomas Westermann
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Gespenstisch ruhig war es gestern Vormittag gegen 10 Uhr im Wald bei Losse. Die dortigen Besetzer schlafen offensichtlich lange. Doch dann krochen die ersten von ihren Baumhäusern herunter.

Einer davon war Kenny, ein Deckname. Seinen richtigen wollte er im AZ-Gespräch nicht nennen. Seit zwei Tagen ist der Umweltaktivist im Camp, das seit dem 15. April steht. Vernetzt seien sie gut mit den Gruppen „Keine A 14“ und den „Naturfreunden Sachsen-Anhalt“. Kenny hat erstmals in so einem Baumhaus in nicht gerade niedriger Höhe geschlafen. „Als es windig war, hat es da oben ganz schön gewackelt. Scheiße, dachte ich, aber man hat sich daran gewöhnt.“ Beeindruckt zeigt sich Kenny von der Bauweise. Es sei alles sehr stabil. Dank der Seile halten die Häuser 2,5 bis drei Tonnen Traglast aus, schätzt der junge Mann aus der Westaltmark. Doch woher kommt das Holz für die Quartiere? „Zum einen verwenden wir totes Holz, das hier herumliegt, zum anderen haben Privatpersonen Holzspenden vorbeigebracht. Wir würden niemals gesunde Bäume angreifen“, erzählt der Umweltaktivist. Auch an Verpflegung mangelt es den jungen Mensch im Wald, der sich übrigens auf der künftigen A-14-Trasse befindet, nicht.

Die Einwohner unterstützen nämlich die Klimaschützer im Camp, bringen gekochtes Essen mit und versorgen die Aktivisten mit anderen Dingen des täglichen Bedarfs. Im Camp herrscht strenges Rauchverbot. Im Übrigen ernähren sich die jungen Leute vegan und von Rohkost. Hinsichtlich des offenen Feuers sollen klare Regeln gelten, die auf einem Schild in englischer Sprache zu lesen sind. Übersetzt heißt das: „Wir haben ein hohes Waldbrandrisiko, deshalb – keine Zigaretten, keine Kerzen, keine Feuerstellen, keine Kochgeräte und keine Glasflaschen.“ An das Verbot der Glasflaschen wird sich allerdings nicht ganz gehalten, wie die AZ beobachten konnte. Einige Bierflaschen waren aus Glas. Zurück zur Verpflegung: „Wir haben mindestens noch für drei Tage reichlich Essensportionen“, freut sich Kenny. Dazu gehören unter anderem Zwiebeln, Kartoffeln, Knoblauch und auch Nudeln.

Kennys Mitbewohner mit dem Decknamen Anne ist eigentlich nicht weiblichen Geschlechts, sondern ein junger Mann. Er findet es „nett, im Wald zu leben, da wir hier eine kleine Gruppe mit nicht so vielen Menschen sind“. Aber seine eigentliche Motivation, Zeit im Camp zu verbringen, ist die Umweltpolitik. „Wir brauchen einen Dialog für eine neue, zeitgerechte und klimagerechte Mobilität. Nur mit gemeinsamen Gesprächen geht das“, ist sich Anne sicher. „Man kann seine Einstellung für die Autobahn haben, aber man sollte auch die andere Meinung der Autobahngegner akzeptieren. Deshalb muss man miteinander reden.“ Anne und Co. haben diesbezüglich schon Erfahrungen machen können während ihres Waldaufenthalts. „Es waren A-14-Befürworter hier und man kam mit denen gut ins Gespräch. Reden miteinander ist cool, auch wenn die Leute unterschiedliche Meinungen haben“ , so Anne, der sich wie seine Mitbewohner während des AZ-Gesprächs nicht offen fotografieren lassen wollten. Ob sie das Lager nach Anordnung des Landkreises in fünf Tagen, also am kommenden Dienstag, wirklich räumen, ließen die jungen Leute unbeantwortet.

Für die Waldbesetzer heißt es am heutigen Sonnabend früher aufstehen. Ab 9 Uhr will Sachsen-Anhalts Landtagsmitglied Wulf Gallert von der Linkspartei mit den Waldbesetzern das Gespräch suchen.

In eigener Sache

In diesem Artikel wurde „eine Person mit dem Decknamen Anne“ erwähnt, „die eigentlich dem männlichen Geschlecht angehört“. Für diese Formulierung, die Menschen diskriminiert, die sich nicht binär codieren, entschuldigen sich der Autor und die Redaktion bei der genannten Person.

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