Vollnarkose-Verzicht reduziert Risiko

Ultraschallgestützte Regionalanästhesie im Seehäuser Krankenhaus

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Sylke Raboldt-Werthe (stehend) und Anne-Kathrin Götze, beide Teamchefärztinnen der Anästhesie/Intensivstation, präsentierten die neue Technik in der Seehäuser Klinik. Für das Pressefoto stellte sich Krankenpflege-Schüler Stefan Ankerhold als Patient zur Verfügung. 

Seehausen – Bei einem medizinischen Eingriff müssen Patienten nicht zwangsläufig die durchaus unterschätzten Risiken und Nebenwirkungen einer Vollnarkose in Kauf nehmen.

So dürfte die örtliche Betäubung bei oberflächlichen Operationen oder in der Zahnmedizin allgemein bekannt sein. Ebenso ist die Regionalanästhesie von bestimmten Körperabschnitten nicht neu. Darauf verweist die Anästhesie-Abteilung des Agaplesion-Diakoniekrankenhauses Seehausen: „Manche Verfahren sind bereits über 100 Jahre alt. Beispielsweise die Spinalanästhesie für eine Knie- oder Hüft-Operation oder bei einem Kaiserschnitt. “ Doch das dafür erforderliche Spritzen des Betäubungsmittels in den Rückenmarkskanal bewerten Patienten („verständlicherweise“) häufig skeptisch, erklären Anne-Kathrin Götze und Sylke Raboldt-Werthe, Teamchefärztinnen der Anästhesie/Intensivstation.

Es geht aber auch anders. So kann das Seehäuser Krankenhaus am Dr.-Albert-Steinert-Platz seinen Patienten seit knapp einem Jahr die „ultraschallgestützte Regionalanästhesie“ als mögliche Alternative anbieten. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, verbesserte Technologien und immer modernere Technik verändern die Möglichkeiten der Anästhesie kontinuierlich. Initiiert von Anne-Kathrin Götze folgte der Weiterbildung des hiesigen Fachpersonals die Anschaffung eines leistungsstarken Ultraschallgerätes. Dessen hochfrequenter Schallkopf (8 bis 14 Megahertz) ermögliche die Darstellung feinster Nerven-Strukturen und somit die gezielte Injektion des erforderlichen Narkosemittels. Die früher erforderliche Stimulation durch Strom zur Identifikation einzelner Nerven – „von Patienten eher als unangenehm empfunden“ – entfalle. Denn „fast jeder periphere Nerv kann durch modernste Bildgebung über feinste ultraschalloptimierte Nadeln einzeln angesteuert werden“, so die Anästhesistin.

Insbesondere für ältere Menschen und Patienten mit schweren Nebenerkrankungen (Herz und Kreislauf) reduziere sich das Risiko im Vergleich zu einer Vollnarkose „immens“, betont Götze. Ebenso gilt dies für anschließende Neben- und Nachwirkungen. Patienten könnten früher auf Station, schneller wieder essen und trinken, ergänzt Raboldt-Werthe. Deutlich positiver gestalte sich auch die gesamte Schmerzbelastung, und nicht zuletzt reduziere sich das Thrombose-Risiko (Lungenembolie).

Wer seine eigene Operation trotzdem nicht live miterleben möchte, könne Schlafmedikamente oder die musikalische Beschallung wählen. Ob Patienten – sofern möglich – die „ultraschallgestützte Regionalanästhesie“ nutzen wollen oder doch die Vollnarkose vorziehen, entscheiden sie – nach ausführlicher Erklärung aller Vorzüge und Nachteile durch die Fachmediziner – letztlich aber ganz allein selbst.

Zu diesem Thema will das Seehäuser Krankenhaus demnächst auch die interessierte Öffentlichkeit in zwei Vorträgen informieren. Unter dem Titel „Mysterium Narkose“ soll es dann um „Die Geschichte der Anästhesie und Intensivmedizin“ (die gängigsten Narkoseverfahren in der heutigen Anästhesie) sowie um „Ultraschallgestützte Regionalanästhesie“ (nur das zu operierende Körperteil betäuben und nicht den gesamten Organismus schlafen legen – geht das?) gehen. Über die Termine wolle das Krankenhaus rechtzeitig informieren, sagte Sprecherin Diana Scholz.

VON FRANK SCHUMANN

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