Dr. Walter Fiedler schickt Stellungnahme des St.-Petri-Wächters zur Ablehnung des Leader-Antrags

Die Sorgen eines Türmers

Türmer Christian macht sich Sorgen.
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Türmer Christian macht sich Sorgen.

Seehausen. Die Vergabekommission-Leader „Mittlere Altmark“ habe Anfang November getagt. Der Antrag der Verbandsgemeinde Seehausen zum Projekt Türmerwohnung bei ERFE sei wieder nicht berücksichtigt worden, schreibt Seehäuser Dr. Walter Fiedler.

Er schickt eine Stellungnahme vom Turmwächter Christian, dem Ersten seiner Zunft auf St. Petri.

Nach dem Brand in der St.- Petri-Kirche im Jahre 1676 wurde im Nordturm eine Turmwächterwohnung, direkt unter der Kirchturmuhr, in 45 Meter Höhe eingerichtet. 1688 bezog Türmwächter Christian als erster diese Wohnung, in der er bis zu seinem Tode 1704 lebte und seine Aufgaben erfüllte. Er war Angestellter der Stadt und hatte diverse, vor allem Wächteraufgaben, wie die Brandwache der Stadt. Aber auch kirchliche Aufgaben hatte er zu erfüllen. 18 weitere Türmer, teilweise mit Frau und Kindern, folgten ihm bis 1958 in den luftigen Arbeitsplatz. Nach insgesamt 270 Jahren verließ der letzte Turmwächter seine Wohnung und seinen Arbeitsbereich, da seine Aufgaben mit moderner Technik erfüllt werden konnten. Über die Türme von St. Petri, die Aufgaben und die Lebensweise der Turmwächter kann man sich in einer kleinen Broschüre umfassend informieren.

Seit dem Jahre 2013 versucht der Verein „Freunde und Förderer der St.-Petri-Kirche zu Seehausen/Altmark“ gemeinsam mit der Hansestadt Seehausen, der Verbandsgemeinde Seehausen und der Kirchengemeinde die Türmerwohnung touristisch zu erschließen. Auch die Arbeits- und Lebensweise einer besonderen, eher seltenen Berufsgruppe aus vergangener Zeit sollen im Sinne eines Kulturerbes aufgezeigt werden. Als Nebeneffekt erhält man Einblicke in die Architektur der Kirche, deren romanisches Portal in die Liste der Straße der Romanik aufgenommen wurde. Der Besucher kann eine wunderbare Aussicht nach dem Betreten der Türmerwohnung über die nördliche Altmark und das Elbvorland genießen. Im Rahmen der „offenen Kirche“ nutzen viele Besucher – zwischen 500 und 750 im Jahr – die Möglichkeit des Aufstieges zur Türmerwohnung. Christian selbst steht für separate Kirchen- und Turmführungen nach Absprache zur Verfügung.

Jetzt ist Christian aber besorgt, dass alle Bemühungen zur Projektverwirklichung vergebens waren, da mehrere Anträge auf Fördermittel über das Leader-Programm nicht berücksichtigt wurden. Allein kann der Verein die notwendigen Mittel in Höhe von etwa 70 000 Euro nicht aufbringen.

Umfangreiche Vorarbeiten, Kostenanalysen, Denkmalschutzanträge, Zielstellungsdokumentation und etliches mehr wurden in ehrenamtlichen Arbeiten erstellt. Hinzu kommen diverse Bemühungen, den finanziellen Eigenanteil zu sichern. Die entscheidende Kommission verwehrt die Bewilligung finanzieller Unterstützung. Christian fragt sich, warum die Vergabekommission die Bedeutung der Türmerwohnung als Kulturerbe und touristischen Anziehungspunkt in der nördlichen Altmark nicht erkennt?

Eine Nichtberücksichtigung kann er ja noch verstehen, aber weitere Ablehnungen sind aus seiner Sicht verwunderlich. Unverständlich sind ihm auch die Richtlinien, die private Anträge höher einstufen als Anträge von Kommunen, die einer breiten Öffentlichkeit, vor allem dem viel gepriesenen Tourismus, dienen. Noch dazu, wenn diese Anträge in enger Zusammenarbeit mit einem Verein eingereicht werden. Christian hat erhebliche Zweifel, ob die Entscheidungen objektiv getroffen wurden. Bei gezielter Analyse der Vergabe eingereichter Anträge der vergangenen Jahre fallen Orte und Regionen mit einer hohen Rate positiv entschiedener Anträge auf. Diese Ansicht vertreten auch verschiedene Gesprächspartner, mit denen Christian dieser Tage konferiert hat.

Sein Vertrauen und seine ursprünglichen Hoffnungen, dass der Zugang zu seiner Wohnung in luftiger Höhe und die Wohnung selbst durch notwendige Reparaturen der zunehmenden Zahl von Besuchern Rechnung tragen wird, sind im Laufe der Jahre zerstört. Er bedauert und bedankt sich gleichzeitig bei den Interessengruppen, die sich seit mehreren Jahren zeitaufwendig um seinen Arbeitsplatz ehrenamtlich ohne Erfolg bemüht haben. Da Christian ein optimistischer Mensch ist, fordert er diesen Personenkreis auf: Verliert nicht den Mut, gebt die Hoffnung nicht auf, arbeitet weiter, um das ehrgeizige Projekt zu verwirklichen.

Von Thomas Westermann

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