Initiative „Bergfest“ lässt den letzten verbotenen DDR-Film „Jadup und Boel“ wieder aufleben

Als aus Seehausen Wickenhausen wurde

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Filmregisseur Rainer Simon (v.l.), ein zu DDR-Zeiten kritischer Geist, beantwortete gemeinsam mit den Darstellerinnen Inga Erdmann und Katrin Knappe Fragen der Zuschauer.

Seehausen. Es liegt 37 Jahre zurück, als aus Seehausen Wickenhausen wurde. Die Kleinstadt wurde 1980 zum Drehort für den Film „Jadup und Boel” nach dem Roman „Jadup” von Paul Kanut Schäfer, dessen Frau aus der Alandstadt stammte.

Rund vier Monate steckte Regisseur Rainer Simon bei den Dreharbeiten mit seinem Team viel Herzblut in die Tätigkeit. Der Streifen war endlich fertig und kam dann auf Anweisung der SED-Oberen unter Verschluss. 

So sah das Kinoplakat von „Jadup und Boel“ aus.

Ganz offensichtlich waren die Mächtigen der Partei nicht einverstanden mit dem grauen Bild, das Simon von ihrer schönen DDR malte. Bei der Einweihung einer Kaufhalle stürzt ein benachbartes Gebäude zusammen, ein Zeichen von maroder Bausubstanz. Auch die Versorgungsengpässe im real existierenden Sozialismus wurden schonungslos unter die Lupe genommen. Das konnte der Arbeiter- und Bauernpartei nicht gefallen. Immer wieder fielen kritische Szenen der Schere zum Opfer. Dazu gehörte eine, bei der Kinder Schneebälle auf ein SED-Parolenschild werfen. „Jadup und Boel” war der letzte verbotene Film in der DDR, der erst ein Jahr vor dem Mauerfall, 1988, in Karl-Marx-Stadt zur Aufführung kam.

Die Seehäuser Initiative „Bergfest” brachte den Streifen nach Jahren der Vergessenheit am Freitagabend in der Aula der Gemeinschaftsschule in Kooperation mit dem Landkreis Stendal anlässlich der Interkulturellen Woche erneut auf die Leinwand. Die Resonanz war riesig, die Aula war fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Sozusagen als Bonbon waren Regisseur Rainer Simon vor Ort, Katrin Knappe als eine der Hauptdarstellerinnen, die Boel spielte, sowie Inga Erdmann, geb. Kaltenhäuser. Letztere war Seehäuserin und wurde für den Film in der Polytechnischen Oberschule (POS) auserwählt und durfte in die Rolle der Filmfigur Edith schlüpfen. Von der Sprengwirkung des Films war Simon schon nach dem Lesen des Buches überzeugt. „Das ist eine Bombe”, sagte er vor den Freunden des bewegten Bildes. Dr. Walter Fiedler als Zuschauer meinte, dass man den Filmemachern für diesen Streifen nur gratulieren könne. Die heutige Jugend sollte sich “Jadup und Boel” anschauen, damit sie weiß, wie es in der ehemaligen DDR zugegangen sei. Simon wollte nach der politischen Wende einen Film “Jadups Kinder” in Seehausen drehen, doch scheiterte das aus finanziellen Gründen. „Heute braucht man fünf bis acht Jahre bis man das Geld für einen Film zusammen hat”, berichtete er. Katrin Knappe brachte nach Seehausen ihren ersten Filmvertrag mit. 200 DDR-Mark bekam sie damals für jeden Drehtag.

Von Thomas Westermann

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