Originale Bauzeichnungen sollen ausrangierten Bahnhof beleben helfen

Seehausen: Den Weg aus dem Tunnel skizziert

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Mit einer historischen Bauzeichnung vor dem Bahnhof. Das Gebäude ist ausrangiert und steht seit einigen Jahren leer.

Seehausen – Der übermannshohe Schrank hat mehr als ein Dutzend Fächer. Michael Trösken zieht eines davon auf, dann das zweite – und wird bereits fündig. Der Stendaler hält eine Zeichnung vom Seehäuser Bahnhof in den Händen, 115 Jahre alt.

Oben ist das Gebäude dargestellt, darunter der Grundriss der einzelnen Räume.

Lage, Höhe, Breite und mehr lassen sich erkennen. Trösken holt weitere historische Baupläne hervor. Was einst auf dem Reißbrett gefertigt wurde, könnte bei einer möglichen Sanierung des ausrangierten Empfangsgebäudes helfen. „Ein solches Objekt muss eine Zukunft haben.“

Hobby-Eisenbahner Michael Trösken zeigt weiteres Material aus dem Schrank.

Ein Westaltmärker hat das einstige Empfangsgebäude in der Wischestadt vor drei Jahren von der Deutschen Bahn übernommen und will es mit neuem Leben erfüllen. Von einer Gaststätte, einem Imbiss und einem Kiosk ist die Rede. Trösken hat von den Zukunftsplänen in der AZ gelesen und wünscht dem Eigentümer ein glückliches Händchen und dass dieser bald endgültig freie Bahn habe. Noch scheinen nicht alle Formalitäten erledigt und der neue Besitzer fühlt sich vom Bahnkonzern ein Stück weit ausgebremst. Trösken würde ihm die historischen Bauskizzen zur Verfügung stellen.

Trösken mag alte Autos und die Eisenbahn. Lange Jahre in der DDR gehörte er einem Modelleisenbahnverein an. Die Arbeitsgemeinschaft hatte einen guten Draht zur Bahnmeisterei Stendal, die nicht zuletzt für die Liegenschaften in der Gegend zuständig war. „In den 70er-Jahren kam es zu einer großen Aufräumaktion, ganze Stapel von Zeichnungen sollten in die Papiermühle“, erinnert sich Trösken, der mit Werbung und Druck-Erzeugnissen sein Geld verdient. Die Eisenbahn-Enthusiasten retteten mehrere Hundert Dokumente vor dem Schredder. Zwei Trabis waren dicht bepackt.

Ein Klo für Osterburg.

Und so beinhaltet der Schrank weitere Schätze, vor allem Zeichnungen von Gebäuden, aber auch von Lokomotiven und Strecken. Das Kreismuseum in Osterburg hat bereits gut 70 Blätter erhalten, einige mehr könnten noch in die Biesestadt wechseln. Trösken zeigt die Zeichnung für das Fundament einer Waggonwaage für den Bahnhof Osterburg, auch er steht wie der Seehäuser inzwischen leer und unter Denkmalschutz. Der Stendaler Eisenbahnfreund zeigt auf ein weiteres Stück Zeitgeschichte und muss schmunzeln. Die Zeichnung kündet vom Einbau einer Klosettanlage im Bahnhof Osterburg 1919.

Trösken öffnet weiter Fächer. Mindestens die halbe Altmark ist vertreten. Die meisten Dokumente sind 100 Jahre und älter. Auf einer Skizze des Bahnhofs Gardelegen von 1934 lässt sich der Name Hindenburg-Saal erkennen. Die Bezeichnung ist durchgestrichen, warum genau auch immer. Umbrüche gab es viele. Der Bestand berge sicherlich noch so manche weitere offene Frage. Dass die Dokumente noch einmal so richtig unter die Lupe genommen werden, könnte Sinn ergeben. Eisenbahnfreund Frank Barby und er wollen Bestand und ehrenamtliche Arbeit grundsätzlich gern mit anderen teilen.

„Wir sollten bei Gelegenheit tiefer graben und würden noch etliche interessante Dinge finden“, ist Trösken überzeugt. Nacheinander hebt er Zeichnungen von Bahnanlagen in Salzwedel, Goldbeck und Behrend aus einer Schublade. Auch ein Plan der Strecke Berlin – Oebisfelde ist dabei. „Solche Schätze sollten damals alle weg.“ Die Modelleisenbahner bewiesen das richtige Gespür. Viele altmärkische Bahnhöfe seien ausrangiert und stünden wie Seehausen und Gardelegen vor dem Umbruch. „Man kann nur hoffen, dass eine neue Nutzung gelingt. Bahnhöfe sind so oder so das Aushängeschild einer Stadt.“

VON MARCO HERTZFELD  

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