Einstiges jüdisches Leben soll mehr Aufmerksamkeit finden

Stolpersteine rücken in Seehausen in den Blick

Eingang zum jüdischen Friedhof in Seehausen
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Den jüdischen Friedhof in Seehausen gibt es seit dem 19. Jahrhundert. 1938 wurde er von Seehäuser Nationalsozialisten zerstört. Vor einigen Jahren fertigte der Groß Garzer Kunstschmied Detlev Steinke diesen Zaun an.
  • Thomas Westermann
    VonThomas Westermann
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Osterburg und Stendal haben sie schon seit längerer Zeit, Seehausen ist davon noch etwas entfernt. Die Rede ist von Stolpersteinen. Damit soll an das Schicksal jüdischer Menschen erinnert werden, die in der Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann.

Seehausen - Aufgrund des einstigen jüdischen Lebens in Seehausen denkt der Stadtrat darüber nach, dem Beispiel von Osterburg und Stendal zu folgen. „Doch bis zur Umsetzung braucht man noch mehr Informationen, wie das Projekt realisiert werden kann“, sagt Vize-Bürgermeister Dr. Walter Fiedler, der auch ehrenamtlicher Stadtführer in Seehausen ist, im AZ-Gespräch.

Der Mediziner im Ruhestand hat sich auch mit der jüdischen Geschichte befasst. Dabei war ihm das Heft „Juden in Seehausen – von den Anfängen bis zum Jahr 1860“ von Stephan Rabe sehr hilfreich. Darin sind im 19. Jahrhundert 16 jüdische Mitbürger namentlich benannt mit Angaben ihrer beruflichen Tätigkeit. Am 21. November 1811 wurde ferner auf Antrag der jüdischen Gemeinde die Errichtung eines Begräbnisplatzes stattgegeben. Dieser befindet sich in der Nähe des Fangelturms an der heutigen Lindenstraße und existiert nach der NS-Barbarei nun wieder. Vor einigen Jahren errichtete der Groß Garzer Kunstschmied Detlev Steinke um das Areal einen Zaun. Am 6. September 1860 wurde in der Tempelstraße 8 in Seehausen das jüdische Gemeindehaus geweiht. Ende des Jahres 1855 hatte Seehausen genau 60 jüdische Mitbürger geht aus Rabes Aufzeichnungen hervor, die sich auch mit dem jüdischen Friedhof befassen. Dieser wurde 1938 im Zusammenhang mit den Pogromen gegen die Juden durch Seehäuser NSDAP-Mitglieder zerstört. 1983 informierten Heimatfreunde in Seehausen die Synagogen-Gemeinde zu Magdeburg über den jüdischen Friedhof. Der Vorsitzende der Gemeinde führte Rücksprache mit der Seehäuser Stadtverwaltung. Die Arbeitsgemeinschaft Denkmalpflege und auch LDPD-Mitglieder in der Wischestadt setzten sich für eine würdige Gestaltung des Geländes ein. Im November 1988 fand eine Gedenkveranstaltung – staatlicherseits durch die DDR aus Anlass des 50. Jahrestages der Reichskristallnacht organisiert – am jüdischen Friedhof statt. Es soll laut Rabe die erste Veranstaltung zu DDR-Zeiten gewesen sein, bei welcher der Juden der Stadt gedacht wurde.

Auch nach der politischen Wende 1990 fand das Leben der jüdischen Bevölkerung in Seehausen wenig Beachtung – bis vor etwa drei Jahren, als ein Stadtrundgang zur Geschichte der Juden angeboten wurde. Anlässlich einer landesweiten Aktionswoche zur jüdischen Geschichte in Sachsen-Anhalt rückt das Leben der Juden in Seehausen nun wieder in den Mittelpunkt. Am Sonntag, 22. Mai, lädt „Seehausen links“ zum Stadtrundgang ein. Treffpunkt ist um 14 Uhr am jüdischen Friedhof. Ab 16 Uhr spielt die Berliner Gruppe Querbeet jüdische Musik in der Salzkirche. Zudem gibt es einen Vortrag über jüdisches Leben in der Altmark von der Leiterin des Museums in Havelberg, Antje Reichel.

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