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„Eine Idee durchs Kind geboren“

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Von: Thomas Westermann

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Frau und Kind
Kathrin Seeliger und ihre zehnjährige Tochter Lilly Sophie wollen ukrainischen Flüchtlingen helfen. Im Seehäuser Bowling-Point werden die Menschen empfangen und mit Speisen und Getränken versorgt. © Westermann

Seehausen. Was haben die Liste von Schindler und die eines Geistlichen in der Nähe von Kiew gemeinsam? Beide retteten Leben. Der Industrielle Schindler bewahrte damit vor dem Tod durch das Nazi-Regime, und der ukrainische Pfarrer ermöglichte die Flucht einiger seiner Mitbürger. Und bei letzterer Aktion engagiert sich Seehäuserin Kathrin Seeliger gemeinsam mit ehemaligen Geschäftspartnern.

Sie möchte möglichst viele Flüchtlinge aus dem von den Russen angezettelten Krieg in der Ukraine in das sichere Deutschland holen. Ehrenamtlich übernimmt sie das mit ihren Mitstreitern. Bisher konnten so schon über 120 Frauen und Kinder in den Landkreis Stendal gebracht werden. Erster Anlaufpunkt ist immer der Bowling-Point in Seehausen, den ihr Lebensgefährte Matthias Kelz betreibt. Dort gibt es etwas zu essen und zu trinken oder auch die erste Übernachtungsmöglichkeit nach der Ankunft. So war es auch vor einigen Tagen, als es anderswo keine Quartiere gab. Die Freiwillige Feuerwehr Seehausen half spontan mit Feldbetten aus, und das wischestädtische DRK-Altenpflegeheim stellte Bettzeug zur Verfügung.

Immer wieder telefoniert Seeliger mit ihrem Kontaktpartner Peter Ligendza, ein polnischer Unternehmer, der auch mit seinen Geschäften in der Aquaristik in Deutschland und in der Ukraine aktiv ist. Mitarbeiter von ihm holen ukrainische Frauen und Kinder aus der Hölle des Krieges heraus, wo sich schlimme Schicksale abspielen. Eines schildert die Seehäuserin im AZ-Gespräch. So war Maria Zavarna hochschwanger mit ihren zwei Kindern auf der Flucht, wobei sie ihren fünfjährigen Sohn Aljosha verloren habe, der bisher spurlos verschwunden sei. Zudem erlitt sie eine Fehlgeburt und musste in einem Warschauer Krankenhaus behandelt werden. Mittlerweile habe sie mit weiteren Frauen und Kindern Räume im Beusteraner Dorfgemeinschaftshaus bezogen, die Seehausens Bürgermeister Detlef Neumann zur Verfügung stellte. Seeliger ist dafür sehr dankbar. Am Mittwochabend empfing die Helferin weitere Menschen aus der Ukraine, die Quartier in einem Privathaushalt in einem Seehäuser Ortsteil bekommen haben. Nun wartet Seeliger auf die Ankunft von Waisenkindern.

Die Transporter, die die Flüchtlinge in die nördliche Altmark bringen, fahren nicht leer zurück. Die Seehäuserin kauft Waren, die in dem osteuropäischen Land dringend benötigt werden. Dazu gehören unter anderem Babymilch in Form von Pulver, Verbandsmaterial und Windeln. Hinzu kommen Spenden. Der Stendaler DRK-Kreisverband Östliche Altmark stellte Verbandsmaterialien, Desinfektionsmittel und Erste-Hilfe-Kästen zur Verfügung. Doch nunmehr wird das Geld knapp. „Wir müssen für die Transporte Diesel kaufen und Fahrzeuge mieten“, sagt die Seehäuserin und richtete ein Spendenkonto ein. Einige Einzahlungen gab es schon, weitere seien sehr erwünscht. Die Kontodaten sind laut Seeliger: Kreissparkasse Stendal, DE 37 8105 0555 1101 0250 73, Verwendungszweck „Hilfe für Kinder im Krieg“.

Ihr Engagement für die Ukraine-Hilfe begründet die Frau so: „Meine zehnjährige Tochter Lilly Sophie hat am ersten Kriegstag die schrecklichen Bilder im Fernsehen gesehen und stellte die Frage: ‘Mama wollen wir nicht helfen?’ So wurde die Idee durchs Kind geboren.“ Und nicht zuletzt hat Dr. Michael Stachow, Chefarzt der Chirurgischen Abteilung im Seehäuser Agaplesion-Diakoniekrankenhaus, die Umsetzung ermöglicht. „Eigentlich hätte ich mich einer Operation unterziehen müssen und erzählte dem Doktor von meinem Vorhaben hinsichtlich der Ukraine-Hilfe. Der Mediziner sagte dann, dass die OP aufschiebbar sei. Ich war sehr froh darüber.“

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