Ausrangiertes Gebäude verwahrlost

Seehäuser Stadtchef geht in Offensive: Abriss des Bahnhofs kein Tabu mehr

+
Am alten Bahnhofsgebäude kommen die Reisenden vorbei. Dort wuchert das Unkraut.

Seehausen – Der Abriss des alten Bahnhofs in Seehausen ist für Bürgermeister Detlef Neumann (UWG) kein Tabu. „Wir sollten alles in Betracht ziehen und uns ernsthaft Gedanken machen, wenn es dort weiter nicht vorangeht."

Das ausrangierte Gebäude sei imposant, mehr als 100 Jahre alt und von stadtgeschichtlichem Wert, natürlich.

Doch vom früheren Glanz hat der Komplex viel verloren, seit mehr als zwei Jahrzehnten steht er leer. Dass der Bahnhof einer Privatperson gehört und nicht der Stadt, weiß der Kommunalpolitiker sehr wohl. Wo Ämter und Behörden gegebenenfalls ansetzen könnten, dazu äußert sich Neumann nicht. Der Denkmalschutz dürfte eh ein Wort mitreden wollen.

Die Fassade ist an vielen Stellen beschmiert.

Vor knapp drei Jahren wechselte die Immobilie den Besitzer. 9000 Euro musste der Käufer bei der Auktion in Leipzig bezahlen, das Mindestgebot. Der neue Eigentümer soll aus dem Altmarkkreis Salzwedel kommen. Die Bahn hat seitdem ein Problem weniger, die Hansestadt nicht unbedingt. Auch ein ungenutztes Bahnhofsgebäude sei immer noch ein Aushängeschild und sage viel über einen Ort und die Menschen aus, ist Neumann überzeugt. „Da ich ein Optimist bin, hoffe ich, dass dort noch etwas Vernünftiges entstehen kann.“ Vor gut zwei Jahren habe er mit dem neuen Eigentümer im Rathaus sprechen können.

Der Keller ist voller Unrat.

Zu den möglichen Plänen des Besitzes kann und will sich das Stadtoberhaupt nicht äußern. Ein solches Gebäude mit neuem Leben zu erfüllen, sei grundsätzlich für jeden Investor schwierig, glaubt Neumann. „So nah an den Gleisen ist der Geräuschpegel erheblich. Für potenzielle Mieter könnte das problematisch sein, die Wohnqualität wäre eingeschränkt.“ Und so viele andere Formen der Nutzung gebe es ja nun auch nicht. „Das passende Konzept zu finden, ist eine Herausforderung“, wolle er gern eingestehen. Doch momentan herrsche eben weiter Stillstand und das Gebäude verliere zunehmend an Klasse.

Dass ein Abriss auch befreien könne, dafür sei die Konservenfabrik ein Paradebeispiel, meint Neumann im Gespräch mit der AZ. Nach der politischen Wende in Ostdeutschland kam das schnelle Ende, die markanten Gebäude, der Großteil mehr als ein Jahrhundert alt, zerfielen immer mehr, eine große Dreckecke mitten in der Stadt entstand. Im Frühjahr 2017 änderten sich die Besitzverhältnisse entscheidend, nichts blieb, wie es war. Vor einigen Tagen wurden an dieser Stelle eine Senioren-Tagespflege und eine Sozialstation eröffnet. „Und wir alle dachten doch lange Zeit, an der Stelle würde sich nie wieder etwas bewegen.“

Am ausrangierten Bahnhofsgebäude halten die Züge, Einheimische und Gäste haben die Problem-Immobilie vor Augen. Auch bereitet das gesamte Umfeld seit Jahren Sorgen. Immer wieder gibt es Beschwerden über Dreck, Gestank und Schmierereien. Bahnsteige, Tunnel und Informationstafeln gehören unverändert der Deutschen Bahn. Die Stadt ist mit dem Zustand des Haltepunktes unzufrieden. Gespräche mit dem Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt (Nasa) und der Bahn hat es gegeben (die AZ berichtet). „Spruchreif ist da noch nichts und schon gar nicht vor 2020“, muss der Bürgermeister um Geduld bitten.

„Ob eine Verlegung des Haltepunktes infrage kommt, ob ein neuer Tunnel infrage kommt, ob ein Fahrstuhl infrage kommt, all das und mehr haben wir auf dem Zettel.“ Der Bahn-Stopp müsse nicht zuletzt viel stärker barrierefrei und behindertengerecht gestaltet werden. Der gesamte Bereich mit aktuellem Haltepunkt und früherem Schaltergebäude sei quasi eine große Baustelle und kommunalpolitische Herausforderung.

„In die Beratungen muss der Eigentümer des alten Bahnhofs rechtzeitig eingebunden werden.“ Inwieweit mögliche räumliche Veränderungen für den Besitzer neue Chancen bedeuteten, auch das bleibe abzuwarten.

VON MARCO HERTZFELD  

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare