Zeitzeugen erzählen

Schießbefehl heute vor 25 Jahren aufgehoben

So wie hier auf dem Gelände der Gedenkstätte Stresow sahen die Grenzsicherungsanlagen an der innerdeutschen Grenze aus. Deren Überwindung kostete vielen Menschen das Leben. Foto: Westermann

AULOSEN/SCHNACKENBURG -  Genau heute vor 25 Jahren hebt die DDR ihren Schießbefehl auf. „Lieber einen Menschen abhauen lassen, als in der jetzigen politischen Situation die Schusswaffe anzuwenden“ – so zitierte ein geheimes Schreiben vom 3. April 1989 Erich Honecker.

Damit war der Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze inoffiziell aufgehoben. Schätzungen zufolge starben bei Fluchtversuchen an der deutsch-deutschen Grenze seit dem Mauerbau im Jahre 1961 etwa 600 Menschen. Das letzte Opfer des Schießbefehls war Chris Gueffroy aus Berlin.

Die Altmark-Zeitung begab sich in die ehemalige Grenzregion der heutigen Verbandsgemeinde Seehausen. Wie empfanden die Menschen, die dort lebten, das DDR-Grenzregime? Was war davon spürbar? Zwei davon gaben Auskunft – der Aulosener Rüdiger Kloth und der Wanzeraner Dirk John, der vor der politischen Wende in Schnackenburg lebte.

Rüdiger Kloth erblickte 1965 im Seehäuser Krankenhaus das Licht der Welt. Der einstige Bürgermeister der Gemeinde Aulosen und ehemaliges Mitglied des Stendaler Kreistages ist in dem Ort aufgewachsen. Mitte der 1980er Jahre gründete er eine Familie und zog in den Nachbarort Bömenzien. Er erinnert sich noch gut an einen kalten Wintertag kurz vor der Wende, als er mit Sohn und Ehefrau Franka seine Eltern zum Kaffeetrinken in Aulosen besuchen wollte. Am Abzweig Richtung Schnackenburg traf das Trio auf zwei Angehörige der Grenztruppen, die Kloth und seine Familie nicht kannten. „Die müssen frisch von der Ausbildung gekommen sein und waren äußerst pflichtbewusst, in dem sie die Personalausweise verlangten“, erinnert sich Rüdiger Kloth. „Aufgrund des nur kurzen Fußmarsches ins Nachbardorf Aulosen hatten wir die nicht dabei“, fügt er hinzu. „Wir ignorierten die beiden Landser und gingen einfach weiter, bis dann die Grenzer ihre Maschinenpistolen entsicherten und brüllten: ‘Stehen bleiben, sonst wird geschossen’. Da ist mir ganz schön mulmig geworden. Letztlich ging meine Frau zurück nach Bömenzien, holte die Personalausweise und dann konnten wir passieren.“ Ansonsten sei Kloth mit der Grenze aufgewachsen. „Ich kannte die Situation nicht anders.“ Für die ältere Generation war der Zustand bestimmt schlimmer gewesen, da sie nach der Grenzziehung ihre Freunde und Verwandten im Westen nicht mehr besuchen konnten, meint der Aulosener. Er berichtet auch von Besuchen seiner Freundin und späteren Frau aus Krüden, die für den kurzen Aufenthalt in Aulosen immer einen Passierschein benötigte, der lediglich nur drei Tage gültig war. „Manchmal habe ich sie einfach auf Schleichwegen mit dem Moped abgeholt, um dem Papierkram zu umgehen“, sagt der nunmehr 49-Jährige.

Dirk John ist hingegen in der Freiheit aufgewachsen, er hatte aber dennoch immer den Stacheldraht in Schnackenburg vor der Nase. Geboren ist John 1968 in Dannenberg. Die jungen Jahre verbrachte der Niedersachse in Kapern. Später zogen seine Eltern nach Schnackenburg und betrieben dort eine Gaststätte. Er fühlte sich von der Grenze eingeengt. „Irgendwie war das ein beklemmendes Gefühl. Wir konnten zwar nach Westen und von dort in die weite Welt, aber die Wege über die Elbe und in Richtung Altmark waren versperrt.“ Dennoch pulsierte im geteilten Deutschland das Leben in der kleinen Stadt Schnackenburg. „Wir hatten viele Zöllner“ – für John waren diese ein Wirtschaftsfaktor genau so wie die vielen Elbschiffer, die die Gaststätten aufsuchten. Auch der Tourismus profitierte damals vom Eisernen Vorhang. Es gab viele Schaulustige, die im Sommer nach Schnackenburg kamen, um ein Blick auf die Grenzanlagen zu werfen, berichtet John. „Am Wochenende waren es um die 1000 Leute.“ Der gelernte Binnenschiffer weiß auch, dass die Stasi einen guten Job machte und beim Spitzeln spitze war. Der gelernte Binnenschiffer musste dienstlich im Jahre 1986 auf der Elbe bei Cumlosen die Grenze zur DDR überqueren. „Die dortigen Kontrolleure wussten genau, was am Vorabend in der Gaststätte meiner Eltern los war. Man sprach mich gleich mit Namen an, bevor ich meinen Reisepass aufgeschlagen habe.“ Anfang der 1990er Jahre zog Dirk John der Liebe wegen nach Wanzer und heiratete seine Sabine. In dem Alanddorf engagiert er sich sehr. Er war stellvertretender und auch amtierender Bürgermeister, ist im Gemeinderat vertreten, Chef der Freiwilligen Feuerwehr und Cheforganisator von diversen Veranstaltungen.

Von Thomas Westermann

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