Osterburgs Ex-Kreisvorsitzender Werner Barm erlebt hautnah die Grausamkeiten im Sperrgebiet

Mauer, Minen und ein zerfetzter Fuß

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SED-Befehlsempfänger befanden sich in dieser Kaserne der NVA-Grenztruppen in Gollensdorf. Von dort war man bemüht, jeden Fluchtversuch in den Westen zu stoppen. 

Seehausen. Dieser Tage, am 13. August 1961, vor 56 Jahren begann der Bau der Berliner Mauer. Kurze Zeit später startete die Sicherung der Grenze zur Bundesrepublik Deutschland mit einem eisernen Vorhang aus Stacheldraht, Minen und etlichen Absperrvorrichtungen mehr.

Die DDR schottete sich ab. Einer, der das Geschehen von Anfang an verfolgte und beste Einblicke in die Machenschaften des SED-Machtzirkels hatte, war Werner Barm. 

Der promovierte Jurist war Sozialdemokrat der ersten Stunde und wurde nach eigenen Angaben in der DDR „umerzogen” zum Marxisten. 17 Jahre war er Kreisvorsitzender, zuletzt im Kreis Osterburg. Doch offensichtlich konnte sich Barm mit dem real existierenden Sozialismus nicht anfreunden. Der Wahl-Altmärker türmte gen Westen. Der erste Fluchtversuch im März 1969 scheiterte in einer Schneekatastrophe, blieb aber unentdeckt, der zweite Anlauf gelang im August des selben Jahres besser. Das politische Amt dürfte Barm dazu verholfen haben, er durfte sich überall aufhalten. Ein Privileg in der damaligen Zeit. Beim Angeln in einem Gewässer nahe der Grenze in der heutigen Verbandsgemeinde Seehausen trat er die Flucht in die Freiheit an – mit Erfolg.

„Achtung Sperrgebiet“

Seine Erlebnisse als Kreisvorsitzender, heutzutage würde man Landrat sagen, schildert er in dem Buch „Achtung Sperrgebiet – Insider-Report, Staatsterror an der ‘Staatsgrenze West’, Zwangsaussiedlung, Internierungslager, Stasi-Überwachung, ‘Schwarze Listen’”. Der Überläufer galt den DDR-Oberen als „Verräter” und „Nestbeschmutzer”, sein Buch dürfte dennoch ein unschätzbares Dokument der damaligen Zeit sein, wartet es doch mit viel Lokalkolorit und Namen von Personen in der heutigen Verbandsgemeinde Seehausen auf.

Zwangsaussiedlungen

Da wird beispielsweise Walter Ulbricht genannt, der einstige Staatsratsvorsitzende besuchte Seehausen während der Wischeaktion. Doch es gab auch einen kleinen Funktionär gleichen Namens als Bürgermeister in Krüden. Trotz der Namensgleichheit, der Gast aus Berlin hegte kein Interesse an dem Altmärker. Mittlerweile wurden die Grenzsicherungsanlagen an der deutsch-deutschen Grenze perfide ausgebaut. Zudem starteten die Zwangsaussiedlungen von DDR-kritischen Personen im Grenzgebiet unter dem zynischen Motto „Aktion Wohnungswechsel”. Betroffen davon war laut Barm unter anderem die Familie Stroppe in Gollensdorf. Später wurde der ganze Ort Stresow bei Aulosen aufgrund der Grenznähe ausradiert, sprich ausgesiedelt.

SED macht Druck

Die Bewohner des Ortes Stresow bei Aulosen wurden aufgrund der Grenznähe komplett zwangsausgesiedelt. Daran erinnert heute eine Gedenkstätte mit nachgebauten Grenzsicherungsanlagen.

Barm schreibt, dass in den Geheimarchiven der Partei und der Staatssicherheitsorgane Dokumentationen unzähliger menschlicher Schicksale lagern. Einige Beispiele: „Gaststätte Wanzer, Gaststättenleiter Seifarth, Dietrich; vernachlässigt seine Pflichten bezüglich Ordnung und Sauberkeit; politische Einstellung unklar; neigt zu pessimistischen Äußerungen; ist abzulösen, Gaststätte sofort neu zu besetzen.” Oder: „MTS-Brigade Aulosen; negativer Einfluss durch Grunwald, Misch und Tschritter; G. und M. waren Mitglied der SED, wurden ausgeschlossen; alle drei wohnen im Sperrgebiet; durch Aussprache in der Brigade Erziehungsarbeit zu leisten; wenn ohne Erfolg, Aussiedlung.” 

Ein Relikt der DDR-Zeit ist der Grenzturm bei Bömenzien.

Auf den Listen zur Ausweisung befanden sich laut Barm auch „einflussreiche Staatsbürger der DDR wie der weithin bekannte Bauer Fettback aus Deutsch, Pfarrer Goslau aus Wanzer oder Molkereileiter Peters aus Bömenzien”. Der einstige Kreisvorsitzende nennt zudem Beispiele von DDR-Regimekritikern „an authentischen Beispielen dargestellt und so ausgewiesen”: „Schernikau, Detlef; Jugendlicher; Gemeinde Aulosen; brachte mehrmals zum Ausdruck, dass er die Republik illegal verlassen will; der Bürgermeister wurde von ihm als Verräter bezeichnet. Zänker, Heinrich; 37 Jahre; LPG-Traktorist in Bömenzien; als Querulant bekannt, der mit nichts zufrieden ist; bei vorangegangenen Wahlen musste er mehrfach aufgesucht werden; verstand es ausgezeichnet, seine Forderungen durchzusetzen; dieser Bürger ist nur westlich orientiert; er wurde 1958 aus der Traktorenbrigade Gollensdorf ausgeschlossen; hat sich seitdem politisch nicht entwickelt, sondern wiegelt andere Traktoristen noch auf. Lange, Werner: 37 Jahre; Bömenzien; hetzerische Äußerungen; Verleumdung von Staatsfunktionären. Schmidt, Herbert; 45 Jahre; Genossenschaftsbauer Gollensdorf; vorbestraft wegen illegalen Waffenbesitzes und Grenzverbrechen (zweieinhalb Jahre Freiheitsentzug); leistet keine gesellschaftspolitische Arbeit und ist nicht organisiert. Bruder ist republikflüchtig; starke Westorientierung und -bindung; führte während der Zeit des 21. August 1968 negative Diskussionen und verurteilte die Maßnahmen der sozialistischen Länder gegenüber der tschechoslowakischen Republik. Dreier, Hans; 38 Jahre; Traktorist Gollensdorf; tritt öffentlich durch Diskussionen negativ in Erscheinung; ist ständig unzufrieden und verherrlicht die Entwicklung in Westdeutschland; orientiert sich überwiegend durch Westfernsehen und verfügt über die Empfangsanlage für das zweite Programm des westdeutschen Fernsehens.

Buck kannte Thälmann

Buck, Walter; 65 Jahre; Wanzer; Opportunist; tritt in Versammlungen als ‘alter Hamburger Arbeiter’ auf, der Thälmann noch kannte; hat zur DDR eine negative Einstellung; eine Rentnerreise nach Hamburg über Schwanheide sei eine unnötige Geldausgabe, über Schnackenburg sei es viel näher; es sei ungerechtfertigt, dass er im Sperrgebiet nicht den Besuch seines Bruders aus Hamburg empfangen dürfte.” Doch das waren „nur” psychische Schikanen, es gab auch schmerzhaft physische.

Minen: Frau verliert Fuß

Eine Genossenschaftsbäuerin aus dem Dorfe Bömenzien unweit der Grenze zu Niedersachsen war auf eine Mine getreten. Im Morgengrauen hatte die Melkerin auf einer Koppel in unmittelbarer Grenznähe ihre Herde gemolken. Diese Gelegenheit nutzte sie, die Sperre zu überwinden. „Der Chef der 2. Gollensdorfer NVA-Kompanie zeigte uns später den an der Ferse abgerissenen Lederstiefel der jungen Frau. Sie hatte infolge der Minenexplosion ein grausames Indiz, ihren zerfetzten Fuß, im Todesstreifen zurücklassen müssen. Beamte des westdeutschen Grenzdienstes mussten sie aus der Sperre gezerrt haben, wo sie hilfeflehend liegen geblieben war”, schreibt Barm.

Von Thomas Westermann

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Die Altmark-Zeitung wird weiter über die Schicksale und Erfahrungen der Menschen im einstigen Sperr- und Grenzgebiet berichten. Zeitzeugen und all jene, die daran Erinnerungen haben und Interessantes zu berichten wissen, können sich per Email an thomas.westermann@az-online.de wenden.


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