„Krieg nicht ausgeschlossen“

Kommunalpolitiker erinnern sich an Mauerbau heute vor 60 Jahren

Gedenkstätte in Stresow bei Aulosen
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An den Eisernen Vorhang und an das DDR-Grenzregime erinnert die Gedenkstätte in Stresow.
  • Thomas Westermann
    VonThomas Westermann
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Seehausen/Osterburg. „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ Das beteuerte Walter Ulbricht, der damalige Staatsratsvorsitzende der DDR, noch im Juni 1961. Bereits am 13. August fiel die kommunistische Propaganda in sich zusammen.

Die DDR errichtete eine Betonmauer, die auf etwa 43 Kilometern innerstädtisch West- und Ostberlin trennte. Bis zu ihrem Fall am 9. November 1989 starben mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer oder im Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime. Die AZ wollte von Kommunalpolitikern in der Verbandsgemeinde Seehausen und in der Einheitsgemeinde Osterburg wissen, welche Erinnerungen sie an den Beginn des Mauerbaus heute vor 60 Jahren haben.

Bernd Kloss aus Wanzer ist Mitglied im Verbandsgemeinderat Seehausen und hat den Mauerbau in Westdeutschland, konkret am Timmendorfer Strand in der Lübecker Bucht, mitbekommen. Der damals 15-Jährige meinte, dass Jugendliche andere Interessen hatten. Man gehe zur Schule, habe Freunde und schaue auch schon mal nach Mädchen. Man orientierte sich an andere Dinge. Dennoch war er damals politisch und gesellschaftlich interessiert und verfolgte schon vor dem Mauerbau „die Hetzparolen gegen die DDR in der Springer-Presse, konkret in der Bild-Zeitung“. Immer wieder gab es Schlagzeilen über die Flüchtlinge aus der DDR, die mit Füßen abgestimmt haben und in den Westen geflohen sind. Der Wahl-Altmärker hat aber auch noch andere Erinnerungen an 1961, denn in diesem Jahr gab es in London eine große Demo gegen Atombewaffnung. Die sei der Auftakt für die späteren Ostermärsche gewesen. Kloss geht noch einige Jahre weiter zurück, als er sieben oder acht Jahre alt war. Damals gab es am 17. Juni 1953 in der DDR einen Arbeiteraufstand mit Streiks, Demos und Protesten, um politische und wirtschaftliche Forderungen zu erzwingen. Letztlich wurde der blutig niedergeschlagen. Zum Gedenken an die Opfer wurden in der Lübecker Bucht immer Feuer angezündet.

Osterburgs Stadtratsmitglied Jürgen Emanuel, Jahrgang 1948, war während des Mauerbaus in Berlin 13 Jahre alt und zu diesem Zeitpunkt mit dem biesestädtischen Pionierorchester zum Treffen in Erfurt. „Welche Größenordnungen diese Aktion haben wird, konnten wir damals nicht erahnen. Dennoch war sie in aller Munde. Unsere Gruppenleiter, meistens ältere Menschen, haben beschwichtigend eingewirkt auf uns. Bei einigen kamen Befürchtungen auf, dass hinsichtlich des Mauerbaus ähnlich wie 1953 ein Aufstand folgen konnte. Das hat sich aber nicht bewahrheitet.“

Wolfgang Tramp, Mitglied im Osterburger Stadtrat, stellvertretender Vize-Ortsbürgermeister und Vorsitzender des biesestädtischen Kulturausschusses, Jahrgang 1952, war damals neun Jahre alt und hat nicht so viele Erinnerungen. Hängengeblieben ist bei ihm aber der bekannte Satz des DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht, der im Vorfeld sagte, dass „niemand vorhabe, eine Mauer zu errichten“. Im Fernsehen sah Tramp dann während der Bauarbeiten, wie Nationale Volksarmee und Kampfgruppen aufgezogen sind. „Aber ansonsten habe ich keine großen Erinnerungen daran. Wir hatten auch keine Verwandtschaft im Westen Deutschlands und meine Eltern hatten mit mir nicht darüber gesprochen“, so der Osterburger.

Hans Hildebrandt, Bürgermeister der Gemeinde Aland und Vorsitzender des Verbandsgemeinderates Seehausen, geboren 1947, war am Tag des Mauerbaus im Ferienlager in Elbingerode. Der 14-Jährige wollte es nicht glauben. Ihm sei bekannt, dass vor 1961 Leute sich gern im Westen aufhielten. „Nun war alles vorbei. Die Menschen lebten in Ungewissheit und schlossen den Ausbruch eines Krieges nicht aus.“

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