Kind und Mutter sollten abgeschoben werden

Ein Höllentrip für Kevin und May

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Eine Odyssee erlebte der siebenjährige Kevin und seine Mutter May. Beide sollten vor Weihnachten aus Seehausen nach Vietnam abgeschoben werden. Das Oberlandesgericht stoppte das Ganze.

Seehausen. Den 14. Dezember, ein Donnerstag, wird Gerd Schonert sein Leben lang nicht vergessen. An diesem Tag sollte ihm alles genommen werden, was er liebte und wertschätzte. Seine vietnamesische Lebensgefährtin, die in Seehausen ein Geschäft betreibt, und sein leiblicher siebenjähriger Sohn Kevin, der im Sommer eingeschult wurde, sollten nach Fernost abgeschoben werden.

Begonnen hatte an diesem Tag alles in der Stendaler Ausländerbehörde, als Lebensgefährtin May für sich und ihren Jungen eine Duldungsverlängerung holen wollte. Daraus wurde nichts, der Siebenjährige und seine Mutter wurden verhaftet, schildert Schonert gegenüber der AZ die Situation. Zu dieser Zeit war es etwa 10.45 Uhr. Der Seehäuser musste tatenlos zusehen, wie Frau und Kind abgeführt wurden und trat die Heimreise nach Seehausen an.

Circa eine halbe Stunde später, schlug eine Polizeieskorte in Seehausen mit den beiden Festgenommenen auf. Drei Streifenwagen, ein VW-Bus mit zivilem Kennzeichen und ein weiterer Pkw mit zivilem Kennzeichen hielten an Mays Geschäft an der Großen Brüderstraße. Aus den Wagen stiegen schwerbewaffnete Beamte, das sorgte in der Seehäuser Bevölkerung für jede Menge Gesprächsstoff. Unter Zeitdruck musste die Frau für sich und ihren Jungen zwei Koffer packen und laut Schonert für die Abschiebung nur 20 Euro mitnehmen. Der Seehäuser, ein selbstständiger Elektriker, drehte fast durch, seine Nerven lagen blank. Er griff zum Handy und schaltete seine Berliner Rechtsanwältin Beulich ein, die sagte, dass „es nicht legal ist, was abgeht“. Die Juristin machte diesbezüglich einen Online-Einspruch beim Oberlandesgericht in Magdeburg, sagte Schonert. Man habe ihm als Vater polizeiliche Gewalt angedroht, wenn er sich von seinem Sohn verabschieden würde. Widerwillig sollen die Beamten über den Abflughafen und die Abflugzeit informiert haben. Der Handwerker telefonierte mit der Rechtsanwältin erneut, die wiederum das Oberlandesgericht kontaktierte. Zu dieser Zeit waren May und Kevin schon unterwegs zum Airport Berlin-Tegel. Abflug in Richtung Vietnam sollte um 16.50 Uhr sein. 50 Minuten vorher stoppte das Oberlandesgericht die Abschiebung. Nach Schonerts Angaben äußerte ein Polizeibeamter, dass „beide allein sehen müssen, wie sie von Tegel nach Seehausen wieder kommen“. „Und das mit nur 20 Euro in der Tasche und den ganzen Tag ohne Essen“, so der Seehäuser und schüttelt verständnislos den Kopf. Letztlich wurden Mutter und Sohn vom Flughafen nach Stendal gefahren. Von dort holte sie der Wischestädter ab und ließ seinen Sohn von einem Arzt untersuchen. „Der Junge könnte seelische Belastungen davongetragen haben.“ Lobend erwähnte er die Klassenlehrerin seines Sohnes, Martina Gehne, die sich liebevoll um ihn kümmerte.

Am Dienstag dieser Woche musste May in der Ausländerbehörde erneut vorstellig werden und eine Unterschrift auf ein Papier setzten. Die Frau wusste allerdings nicht wofür. „Wir sitzen wieder in Ungewissheit“, meint der Seehäuser, der sich aber freut, mit Lebenskameradin und Sohn gemeinsam das bevorstehende Weihnachtsfest zu feiern. Danach wünscht sich der Altmärker ein Treffen mit Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht zwecks Aufarbeitung der „unerhörten Geschehnisse“.

Von Thomas Westermann

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