Gefeuerter Gastronom Seifarth reagiert auf AZ-Bericht über Barms Buch „Achtung Sperrgebiet!“

„Eine politische Angelegenheit“

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Diese Gaststätte leitete der Wanzeraner vor und nach der Grenzziehung. Zweimal wurde er gefeuert.

Wanzer. Der AZ-Bericht Mitte August über das Buch „Achtung Sperrgebiet!“ von Werner Barm, einstiger Kreisratsvorsitzender in Osterburg und Republikflüchtling, erwähnte auch den Wanzeraner Dietrich Seifarth, der vor und nach der Grenzziehung die Konsum-Gaststätte in dem Aland-Dorf betrieben hatte.

In Geheimarchiven der SED und der Staatssicherheitsorgane war folgendes vermerkt: „Gaststätte Wanzer, Gaststättenleiter Seifarth, Dietrich; vernachlässigt seine Pflichten bezüglich Ordnung und Sauberkeit; politische Einstellung unklar; neigt zu pessimistischen Äußerungen; ist abzulösen, Gaststätte sofort neu zu besetzen. “.

Dietrich Seifarth mit Werner Barms Buch „Achtung Sperrgebiet!“: Er kannte den einstigen Kreisratsvorsitzenden persönlich.

Wanzeraner Seifarth hat den Bericht gelesen und äußert sich emotional und gefühlsbetont gegenüber der AZ. Er, Jahrgang 1935, fühlte sich damals einem Intrigenspiel ausgesetzt. Am 1. Oktober 1959 übernahm er die Konsum-Gaststätte, die später als „Land-Schänke“ bekannt war. Im Frühjahr 1961 erfolgte sein erster Rauswurf. Er fragte beim Konsum, beim Bürgermeister Walter Reher und bei der SED-Kreisleitung nach den Gründen. Eine für ihn zufriedenstellende Antwort blieb aus. Lediglich so viel: „Das ist eine politische Angelegenheit.“ Seifarth begab sich auf Arbeitssuche, dann bekam er das erneute Angebot, die Gaststätte weiter zu betreiben. Der Wanzeraner erbat sich vier Wochen Bedenkzeit und lehnte letztlich ab. Da nahm ihn Bürgermeister Reher zur Seite: „Dieter, mach die Arbeit weiter, ansonsten musst du mit dem Schlimmsten rechnen. Mehr kann ich dir nicht sagen.“ Und Seifarth fügte sich und machte weiter. Der heute 82-Jährige engagierte sich nebenbei für die Entwicklung des Sportes im Ort, lenkte die Geschicke des Anglervereins und war ehrenamtliches Ratsmitglied – Letzteres übrigens bis nach der politischen Wende.

Als Gaststättenleiter organisierte er in dem Aland-Dorf verschiedene Veranstaltungen mit den damaligen Grenzsoldaten. Sie spielten dort Fußball, Tischtennis, Schach und Skat, tranken gern ein oder auch mehrere Biere oder feierten in der gastronomischen Einrichtung Abschied vom Wehrdienst. Veranstaltungen wurden auch von Gästen außerhalb des Sperrgebietes besucht. Zwischen Seifarth und den Uniformierten gab es ein Vertrauensverhältnis. Gegenüber der AZ nannte er Namen wie beispielsweise Regimentskommandeur Günter Trenker sowie die Kompaniechefs Manfred Winckelmann und Erich Buchheister, die als Führungskräfte die Arbeit zwischen ihm und den Soldaten unterstützten. Doch am 10. April 1963 war seine Funktion als Gaststättenleiter in Wanzer nach den erwähnten Berichten in den DDR-Staatsarchiven vorbei. Seifarth orientierte sich neu und ließ sich zum Maurer und Fliesenleger ausbilden. Bis zum Rentenalter war er in der Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) „Wische“ in Groß Garz tätig.

Übrigens: Seifarth kannte Werner Barm persönlich: „Bei einer Ratssitzung in Wanzer, an der ich als Abgeordneter im August 1969 teilgenommen habe, saß mir Barm gegenüber.“ Am anderen Tag machte sich der einstige Gaststättenchef zum Angeln ins Sperrgebiet auf. Dort erfuhr er, dass der Barm, ebenfalls beim Angeln, kurz zuvor in den Westen geflüchtet sei. Anfang der 1990er Jahre kaufte sich der Altmärker Barms Buch „Achtung Sperrgebiet!“ in Osterburg und wollte später mit ihm Kontakt aufnehmen. „Das habe ich aber nicht geschafft.“

Von Thomas Westermann

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