Kommunalpolitiker erinnern sich an die Zeit der Wiedervereinigung

„Dieser Mut ist schon ein Phänomen“

Bei der Berliner Feier am 3. Oktober 1990 winken Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) (v.l.), Hannelore Kohl, Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Bundespräsident Richard von Weizsäcker. 
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Bei der Berliner Feier am 3. Oktober 1990 winken Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) (v.l.), Hannelore Kohl, Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Bundespräsident Richard von Weizsäcker.

Seehausen – Es passierte am kommenden Sonnabend vor 30 Jahren: Am 3. Oktober 1990 geschah, woran lange Zeit kaum noch jemand ernsthaft geglaubt hatte: die Wiedervereinigung. Der Beitritt der ehemaligen DDR zur Bundesrepublik jährt sich 2020 zum 30. Mal.

Dieses Jahr finden die offiziellen Feierlichkeiten in Potsdam statt. Unter dem Motto „30 Jahre – 30 Tage“ feiert die Landeshauptstadt Brandenburgs das geschichtsträchtige Jubiläum mit einer weiträumigen Ausstellung unter freiem Himmel. Mit einem Mix aus Auftritten namhafter Musiker, offiziellen Ansprachen und unterhaltsamen Show-Elementen stellt der 3. Oktober dabei den Höhepunkt der Feierlichkeiten dar.

Die AZ wollte von Kommunalpolitikern in der Verbandsgemeinde Seehausen wissen, wie überraschend die Wiedervereinigung für sie kam und ob sie überhaupt daran geglaubt hatten. Dr. Walter Fiedler, Seehausens-Vize-Bürgermeister und Stadtratsmitglied, habe im Jahr 1989 noch nicht an die Wiedervereinigung geglaubt, erst später. Mit der ersten freien Wahl der DDR-Volkskammer am 18. März 1990 wurde ihm klar, dass es mit der Wiedervereinigung klappen könnte. „Dass die aber so schnell erfolgte, hätte ich nicht gedacht.“

Der einstige Flensburger Willi Hamann, jetzt Bürgermeister der Gemeinde Altmärkische Wische und Mitglied im Seehäuser Stadtrat, machte im Juli 1989 Urlaub im Caravan am Plattensee in Ungarn – und zwar zu jener Zeit, als das Land die Grenzen öffnete. Plötzlich waren die Wohnwagen der DDR-Bürger verlassen, weil sie sich auf dem Weg zur grünen Grenze begaben und dann nach Österreich flüchteten. Seine Nachbarn auf dem Campingplatz stammten aus Burg bei Magdeburg und überlegten, ob sie auch verschwinden sollten, taten dies aber nicht. „Erst als ich sie einige Zeit später in Burg besuchte, saßen sie auf gepackten Koffern und reisten nach Hannover aus.“ Hamann lebt und arbeitet seit Anfang 1992 in Seehausen. „Es ist toll, wie sich alles in der ehemaligen DDR entwickelt hat. Als Kommunalpolitiker konnte ich dazu auch das eine oder andere beitragen“, freut er sich.

Rüdiger Kloth, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Seehausen, erinnert sich noch gut an die Aussagen seines Vaters, der meinte, dass die DDR zugrunde gehen würde. Er habe Recht behalten. „Dass dies aber alles so schnell gehen würde, habe ich nicht gedacht.“ Der Aulosener habe irgendwann mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch gerechnet, aber nicht damit, dass der Fall von Mauer und Stacheldraht durch die friedlichen Proteste der mutigen Bevölkerung ausgelöst wurden. „Diesen Mut zu haben, ist schon ein Phänomen.“ Und: „Unrechtsstaaten wie die DDR können nicht ewig existieren.“

Hans Hildebrandt, Bürgermeister der Gemeinde Aland und Vorsitzender des Verbandsgemeinderates Seehausen, sieht die Wiedervereinigung so: „Es lag in der Luft, dass etwas passieren würde.“ Er sei von der friedlichen Revolution der DDR-Bevölkerung sehr angetan gewesen. „Schließlich ist die Grenzöffnung und die Vereinigung ohne Gewalt verlaufen. Das muss man sehr schätzen.“ Dennoch: „Bedauerlich sind noch die großen Unterschiede in West und Ost. Viele Betriebe, unter anderem Molkereien, mussten in der nördlichen Altmark schließen. Und 20 Kilometer weiter, im Westen, ist noch alles da.“ VON THOMAS WESTERMANN

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