Aufnahme von sechs unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Priemern

Chance nach 3000 Kilometern

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Therapiehund Oskar begrüßte die Mitglieder der Linken Katrin Kunert (v.l.), Helga Paschke, Mario Blasche, Jenny Schulz (r.), die sich von Geschäftsführer Christoph Lenz die neuesten Entwicklungen im Sozialtherapeutischen Zentrum zeigen ließen.

Priemern. Eine Ausbildung abschließen, eine Familie gründen, fest im Leben stehen – das sind Ziele, die nicht für alle einfach zu erreichen sind.

Seit 1997 leistet das gemeinnützige Sozialtherapeutische Zentrum „Gut Priemern“ Hilfe und Unterstützung für Menschen in schwierigen Lebenslagen. Vor allem die personalintensive Kinder- und Jugendhilfe – 34 junge Menschen im Alter von zwölf bis maximal 18 Jahren werden zurzeit an fünf Standorten betreut – hat in der jüngeren Vergangenheit einen großen Stellenwert eingenommen. Das Kollegium um Geschäftsführer Christoph Lenz, das sich unter anderem aus Erziehern, Heilerziehungspflegern, Sozialpädagogen, Ergotherapeuten und Psychologen zusammensetzt, steht aktuell einer weiteren Herausforderung in dieser Altersgruppe gegenüber. Die Einrichtung des Paritätischen wird in den kommenden Tagen bis zu sechs Jugendliche zugewiesen bekommen, die „ohne ihre Eltern hier ankommen und mehr als 3000 Kilometer Flucht hinter sich haben“, wie Lenz gestern im Gespräch mit Vertretern der Linken, darunter Bundestagsabgeordnete Katrin Kunert und Landtagsabgeordnete Helga Paschke, betonte.

Das Fachpersonal an den altmärkischen Standorten hat viel Erfahrung im Umgang mit Jugendlichen, die, oft durch die Eltern vernachlässigt, ihren Lebensweg noch finden müssen. Doch haben diese jungen Menschen andere Probleme, als jene, die aus ihrem geregelten Alltag flüchten mussten. Wer bisher Hilfe in Anspruch nahm, nehmen musste, verweigerte sich zur Schule zu gehen, war ohne Antrieb, war straffällig geworden.

„Bei den Flüchtlingskindern handelt es sich um Menschen, die einfach dankbar sind, ein Dach über dem Kopf zu bekommen, anzukommen“, sagte Lenz weiter. Und: „Die Gesellschaft tut Not daran, auch diesen Kindern eine Perspektive zu geben.“ Drei Beispiele wurden gestern genannt, die die Beweggründe aufzeigen, warum, vor allem männliche Kinder und Jugendliche sich auf die Flucht begeben. Zum einen gibt es den Fall, dass die jungen von den erwachsenen Menschen auf der gefährlichen Reise getrennt wurden. Zum anderen kann es auch sein, dass die Eltern bereits im Krisenland durch Krieg und Terror ums Leben kamen. Es wurde zudem das Beispiel genannt, dass Eltern ihre Söhne wegschicken, aus Angst, dass die Kämpfer des Islamischen Staates (IS) die jungen Männer rekrutieren. Lenz: „Ich bin selbst Vater zweier Kinder und frage mich: Wie groß muss die Verzweiflung sein, dass man seine Kinder fortschickt?“ Die sechs unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge (UMF) werden wahrscheinlich aus Syrien kommen oder Afghanen sein und in der kommenden Woche auf dem Gut, beziehungsweise bei den Außenstellen ankommen. Die Schwierigkeit liegt nicht in der Unterbringung. Die Verständigung in Kommunikation und Kultur und das Bieten einer Perspektive birgt für Lenz die Herausforderung.

Von Alexander Postolache

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