Haftbefehl gegen Honecker vor 25 Jahren aufgehoben / AZ befragt Kommunalpolitiker zum Thema

„Er war ein alter und kranker Mann“

+
Erich Honecker zeigte vor Gericht den sozialistischen Kampfesgruß. Heute vor 25 Jahren wurde der Haftbefehl gegen ihn aufgehoben. Der einstige DDR-Lenker ging ins Exil nach Chile. 

Seehausen. Am 13. Januar 1993, also heute vor 25 Jahren, lehnte das Landgericht Berlin die Eröffnung des Hauptverfahrens gegen Erich Honecker, den ehemaligen Staatschef der DDR, ab und hob auch den Haftbefehl gegen ihn auf.

Honecker hatte wegen seiner schweren Erkrankung Verfassungsbeschwerde gegen die Anklage erhoben. Nach 169 Tagen wurde er aus der Untersuchungshaft entlassen. Er flog unmittelbar darauf nach Chile, wo ihn seine Frau Margot bereits im Exil erwartete. Opfer des DDR-Regimes protestierten vergebens gegen die Freilassung des SED-Chefs. War der Umgang mit Honecker damals richtig? Oder hätte er inhaftiert werden müssen? Die AZ fragte bei Kommunalpolitikern nach.

Hans Hildebrandt, Bürgermeister der Gemeinde Aland und Vorsitzender des Verbandsgemeinderates Seehausen, weiß, dass Honecker vieles zu verantworten habe, aber aufgrund seines Alters „wäre die Haft quatsch gewesen“. Immerhin wurde er von der BRD anerkannt und in der Bundesrepublik empfangen. Man hätte die Leute zur Rechenschaft ziehen müssen, die beispielsweise Menschen an der Grenze erschossen haben. Bernd Prange, Bürgermeister auf der Altmärkischen Höhe und Mitglied im Stendaler Kreistag, „hat sich mit dieser Angelegenheit nicht weiter beschäftigt“. Dennoch kreidet der Heiligenfelder Honecker an, dass er den Schießbefehl erlassen habe. Hochachtung habe er hingegen für den SED-Politiker Hans Mod-row, der den Schießbefehl als falsch angesehen habe und Reue zeigte. Zehrental-Bürgermeister Uwe Seifert wirft eine Frage auf: „Warum hat man ihn ziehen lassen? Man hätte ihn doch ins Loch stecken können.“

Für den Bürgermeister der Hansestadt Seehausen, Detlef Neumann, steht fest: „Honecker hätte inhaftiert werden müssen. Er hatte viel Schuld auf sich geladen. Die DDR war kein demokratischer Staat.“ Rüdiger Kloth, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Seehausen, lässt da schon mehr Milde walten. „So einen alten und gebrochenen Mann hätte man nicht ins Gefängnis stecken müssen. Ich denke, dass Honecker auch nicht alle Details bewusst waren. Er lebte in seiner eigenen Welt und liebte den Sozialismus.“ Für Kloth wäre die Verurteilung von all jenen, die Menschen an der Grenze erschossen haben, wichtiger gewesen. Karsten Reinhardt, Gemeindeoberhaupt in der Altmärkischen Wische, meint: „Er war ein alter und kranker Mann. Da ist es besser, wenn er in Freiheit gelangt als im Haft-Krankenhaus zu sterben.“

Von Thomas Westermann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare