Hanf rauschfrei: Kreative Junglandwirte sehen Nische und geben der Pflanze mehr Boden

„Alles korrekt und völlig legal“

Sonja Beutel (l.) und Gudrun Wöllner zeigen geerntete Hanfpflanzen. Landwirt Marius Wöllner hat Tochter Romy auf dem Arm. Öko-Freiwillige Sophie Schwarzburg kümmert sich um den Tee.
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Sonja Beutel (l.) und Gudrun Wöllner zeigen geerntete Hanfpflanzen. Landwirt Marius Wöllner hat Tochter Romy auf dem Arm. Öko-Freiwillige Sophie Schwarzburg kümmert sich um den Tee. 

Lindenberg. Marius Wöllner packt eine leicht angetrocknete Pflanze auf den Tisch. Hanf, irgendwann im Spätsommer geerntet. Die typischen fingerförmigen Blätter sind noch zu erkennen. „Alles korrekt und völlig legal“, beteuert der 32-jährige Landwirt aus Lindenberg und grinst.

Nutzhanf enthält nur sehr wenig Tetrahydrocannabinol (THC), allerhöchstens 0,2 Prozent. Zum Rauschmittel taugt das nicht.

Dafür folgt Industriehanf einem Trend, er ist gesund. „Die verschiedenen Sorten enthalten sehr viel der wertvollen Omega-3-Fettsäuren, auch Vitamine, Eisen und Kalium“, weiß Lebensgefährtin Sonja Beutel (31). Beide haben an der Universität Kassel ihren Master in ökologischer Landwirtschaft gemacht. Er hatte die Idee, sie ist auch Ernährungsberaterin. Hanfanbau ist eine Nische, der Betrieb in der Altmark einer der Pioniere.

Hanfsamen, aus denen Öl gepresst wird.

Die Familie ist seit 1735 in Lindenberg ansässig. Wöllners Vater Hartmut hat den Betrieb kurze Zeit nach der politischen Wende neu aufgebaut und stellte 1993 auf ökologischen Landbau um. Im Hanf sehen die Altmärker eine Chance. Zur Premiere 2016 wuchs er auf zwei Hektar Land, dieses Jahr auf 18. In der nächsten Saison sollen es 36 Hektar sein. Die ersten Arbeiten dafür haben bereits begonnen. Hanf gedeihe auf recht sandigem Boden, wie er in der Gegend vorherrsche, gut und besser als etwa Weizen, Gerste und Raps.

Die Ökobauern ernten Körner und Blätter. Sie beliefern Ölmühlen, entwickeln eigene Ideen und Produkte, holen sich dafür auch Rat von außen, versorgen Bioläden in Mitteldeutschland und darüber hinaus, haben ein eigenes Label und vertreiben Erzeugnisse auch direkt, nicht zuletzt übers Internet. Gudrun Wöllner, die Mutter des Junglandwirts, stellt Öl, Mehl, Tee und sogar Schokolade auf den Tisch. „Hanf ist so vielseitig.“

Aus den Hanfsamen (Nussfrüchte) lässt sich Öl pressen.

Die Lebensgefährtin ihres Sohnes nickt. Beutel stammt aus der Nähe von Stuttgart. In der Altmark fühle sie sich pudelwohl. Das junge Paar hat eine berufliche Perspektive. Die zwei Kinder, Romy (1) und Jonas (5), wachsen in einem spannenden Umfeld auf. Die Familie kennt und pflegt ihre Wurzeln in Lindenberg, setzt auf die Region und Netzwerke. Die Wöllners bauen nicht zuletzt Gemüse und Getreide an und halten Kühe.

Sophie Schwarzburg kennt all dies – und den Hanf. „Mir war schnell klar, dass der nicht high macht“, sagt die 18-Jährige der AZ, lacht und lässt eine weitere Handvoll getrockneter und zerteilter Blätter ins große Sieb fallen. Hanftee gibt es in den verschiedensten Geschmacksrichtungen, er soll beruhigend wirken. Die Sächsin absolviert in dem Betrieb ein Freiwilliges Ökologisches Jahr und möchte später im Ernährungsbereich arbeiten.

Die übermannshohen Pflanzen werden zwischen Ende August und Oktober geerntet.

Die Lindenberger betreten Neuland. Dass Hanf eine lange Geschichte hat, wissen viele Menschen nicht. Aus den Fasern lassen sich Segeltuch, Seile und Kleidung fertigen. Die erste Gutenbergbibel war auf Hanfpapier gedruckt. Ein Großteil der Leute habe allein die berauschenden Schwesterpflanzen im Kopf. Jungbauer Wöllner berichtet von einer Truppe jugendlicher Radfahrer, die im Sommer abrupt stoppte und voller Abenteuerlust ins Hanffeld sprang.

Die Familie sieht sich weiter als Vorreiter, arbeitet an zusätzlichen Produkten, denkt zum Beispiel an eine Verwendung von Hanf in Kosmetika nach. In absehbarer Zeit sollen zudem Reisegruppen die Hanf-Pioniere in der östlichen Altmark besuchen können.

Von Marco Hertzfeld

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