Zwischen den Zeilen

Der Westdeutsche Micha hat den Farbfilm vergessen. Aber darum ging es 1989 / 90 bald nicht mehr, dafür wurden Forderungen nach mehr Freiheit in der DDR laut. Foto: Zahn

Salzwedel. Ob das Wort „Kult“ schon in der DDR erfunden war, damals im Jahr 1989 oder ob das noch „Geheimtip“ lautete wurde am Sonnabend im Salzwedeler Kulturhaus nicht klar.

Zum Kulturtipp mausert sich das fast ausnahmslos von Laiendarstellern besetzte Musical von Wolfgang Liebisch aus Stendal schon. Erzählt wird die Liebesgeschichte von Nicole und Tommy aus Warnemünde. Tommy (Holger Götzki) der unbedingt eine Gitarre aus dem Westen möchte, Nicole (Judith Zürcher) die Eisverkäuferin die von der weiten Welt träumt. Als im HO Strandcafe der Thomas Natschinski Klassiker, gesungen von Holger Götzki, „In der Mokka Milcheisbar“ erklang, war das Publikum schnell mit Applaus dabei. Es zeigte sich textsicher beim Mitsingen von Titeln wie „Nie zuvor“ von Elektra oder „Als ich fortging“ von Karussell. Auch durfte Sillys “Ich bin der letzte Kunde“ nicht im dreistündigen Programm fehlen. Ob das die Kommission Ordnung und Sicherheit oder die Abteilung Jugendfragen, Körperkultur und Sport erfreut hätte bleibt Spekulation.

Auf jeden Fall war Tante Erna (Julia Lehmann) die Toilettenfrau aus dem Interhotel Neptun, sauer auf ihren Westberliner Neffen Micha (Dirk Soukup), da er den Farbfilm vergessen hatte. Ostdeutscher Humor und die dazugehörende Musik, keine platte Ostalgie, denn auch Liebisch hatte es mit seinem Musikhaus und der Band Olympia nicht immer leicht. „Neulich hatten sie in der Bäckerei keine Tüten für meine Semmelbrösel, gut dass ich meen Einkaufsnetz dabei hatte“ scherzte Peter (Torsten Ladewig) Und hatte die Lachsalven sofort auf seiner Seite.

Das Stück beschrieb den kleinen Kosmos des DDR-Alltages, über die skurrilen Begebenheiten aus dem Leben eines Bohemiens, Episoden die sich im Koordinatenkreuz von Wandel und Veränderung der DDR bewegten. Den Machern gelang es genau wie damals, zwischen den Zeilen etwas mitzuteilen, versteckte Kritik, fast wie eine kleine Abrechnung mit verschmitztem Augenzwinkern. Allerdings fehlt, so wurde klar, nach 20 Jahren immer noch das Fremdwörterbuch Ostdeutsch-Westdeutsch damit man nicht länger aneinander vorbei redet.

Da machte die Planerfüllung wieder richtig Spaß. Das Musical wurde aufgezeichnet und wer weiß, vielleicht wird es das Stück irgendwann auf DVD geben, die sollte dann in keinem Arbeiter- und Bauernhaushalt fehlen.

Von Bernd Zahn

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