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Zwei Angeklagte wurden im Amtsgericht in Salzwedel freigesprochen

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Von: Armon Böhm

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Großer Saal im Salzwedeler Amtsgericht
Im Salzwedeler Amtsgericht wurden am Dienstag zwei Angeklagte freigesprochen. Vorgeworfen wurde ihnen gefährliche Körperverletzung aus rassistischen Motiven. Vor dem Saal gab es daher eine Einlasskontrolle. © Wasinski, Stefan

Nach einer über fünfstündigen Verhandlung wurden am Dienstag im Salzwedeler Amtsgericht zwei Angeklagte freigesprochen. Ihnen war gefährliche Körperverletzung aus rassistischen Motiven vorgeworfen worden.

Salzwedel – Gefährliche Körperverletzung sowie Sachbeschädigung aus rassistischen Motiven; so zumindest lauteten am Dienstag im hansestädtischen Amtsgericht die Anklagepunkte gegen zwei Männer aus Salzwedel. Nach einer über fünfstündigen Verhandlung samt Mittagspause verkündete Richter Dr. Klaus Hüttermann allerdings den Freispruch für beide Angeklagten. Kommunikative Hürden gepaart mit möglichen Falschaussagen und eine scheinbare Verwechslung waren dabei nur drei der diversen Gründe, die einer Verurteilung der beiden Salzwedeler im Weg standen. Doch was war geschehen?

Im Flur mit einem Messer bedroht?

Am 31. Januar 2020, also genau drei Jahre vor dem Gerichtsprozess, sollen die beiden Angeklagten einen 41-jährigen Mann mit Migrationshintergrund im Flur eines gemeinsamen Wohnhauses in Salzwedel mit einem Messer und einem Schlagring bedroht haben und ihm einige Minuten später in den Keller samt Sportraum gefolgt sein. Dort sollen sie mit vier weiteren nicht identifizierten Tätern das Opfer angegriffen, rassistisch beleidigt und seine zwei Handys, seine Brille sowie seine Musikbox beschädigt haben. Erst nachdem die Täter verschwunden waren, habe der Geschädigte die Polizei kontaktieren und ihr Schauplatz sowie Verletzungen zeigen können.

Ähnlicher Nachname wie beim Täter

Der erste Angeklagte war ein 43-jähriger Produktionshelfer aus Salzwedel. Sein Pflichtverteidiger übernahm für ihn die Aussage und stellte dabei klar, dass der Angeklagte am Tag der Tat nicht anwesend gewesen sei. Es habe sich um eine Verwechslung handeln müssen, da es bei dem Nachnamen des 43-Jährigen eine starke Ähnlichkeit zum vermeintlich eigentlichen Täter gebe. Die Täterbeschreibung sei nicht zutreffend, da von einem Tattoo im Halsbereich die Rede sei, der Angeklagte aber eines im Nacken besitzt, wie er im Gericht vorzeigte. Dennoch habe das Opfer ihn anhand eines Fotos identifiziert.

Nachbar sei nur Zeuge gewesen

Bei dem zweiten Angeklagten handelte es sich um einen 30-jährigen Tiefbautechniker aus Salzwedel. Zur Zeit der Tat habe er das Wohnhaus des Geschädigten ebenfalls bewohnt. Er übernahm seine Aussage selbst und betonte auch, dass der 43-jährige Produktionshelfer nichts mit dem Fall zu tun habe. Stattdessen sei das Opfer mit dem bereits erwähnten Mann mit ähnlichem Nachnamen in einen Streit geraten. Dieser habe ihn schließlich in den Keller „gezerrt“ und ihm dort „auf die Schnauze gehauen“. Beteiligt sei der Tiefbautechniker nicht gewesen.

Zuvor habe er sich mit dem mutmaßlichen Täter in einem Restaurant befunden und nach der Tat seien sie zusammen mit einem dritten Mann zu dessen Wohnung „abgehauen“, wobei der Richter seine Wortwahl hinterfragte. Der Angeklagte betonte immer wieder, dass er sich an vieles nicht mehr erinnern könne. Der scheinbar verwechselte Täter habe ihm aber von dem Konflikt erzählt, bei dem keine Waffen zum Einsatz gekommen seien. Nachdem der Angeklagte nach einer Beschreibung des Mannes gefragt wurde, sprach er unter anderem von Tätowierungen im Nacken und auch am Hals.

Unsicherheiten durch sprachliche Hürden

Anschließend kam die Zeugenaussage des Geschädigten, der mit einer Anwältin auch als Nebenkläger im Prozess beteiligt war. Vor seiner Aussage musste er den Saal allerdings verlassen. Ein Dolmetscher half bei der Kommunikation. Allerdings führten die Sprachbarrieren auch zu einigen Unsicherheiten.

Der 41-jährige Designer aus Salzwedel wiederholte die Schilderung der Tat, wobei es zu Ungereimtheiten mit der Polizeiaussage kam, die er mit einem anderen Dolmetscher tätigte.

Widersprüche während der Befragung

Beide Übersetzer habe er gut verstehen können, doch während der langwierigen Befragung am Dienstag kamen weitere Widersprüche auf. Zwar gab es ärztlich nachgewiesene Verletzungen, doch der Designer schilderte auch einige Beschwerden, die nicht nachgewiesen werden konnten. So habe es beispielsweise einen Schlag mit einem Schlagring in den Bauch gegeben, der aber keine ersichtlichen Spuren hinterlassen hätte. Angesprochen auf den vermeintlich falsch identifizierten Angeklagten äußerte das Opfer laut Dolmetscher: „Ich glaube, der Mann war größer.“

Zwei Salzwedeler Polizeibeamte traten nach dem Geschädigten hintereinander in den Zeugenstand. Beide wurden nach der Tat zum Wohnhaus des Opfers gerufen, wobei einer seine Verletzungen fotografierte. Die Kommunikation sei schwierig gewesen, doch beide Beamten konnten sich nicht an Beschwerden im Bauchbereich erinnern. Auf die Frage des Staatsanwalts äußerte ein Beamter, dass die Verletzungen „auf keinen Fall“ zu einem Schlagring gepasst hätten.

Alle Parteien waren sich am Ende einig

Hüttermann telefonierte während eines Rechtsgesprächs über das Handy des 30-jährigen Angeklagten mit dem vermeintlich wahren Täter, der zu der Zeit aber noch keine Aussage machen wollte. Aufgrund der mangelnden Beweislast und der Widersprüche plädierten alle Beteiligten auf einen Freispruch, den der Richter schließlich auch verkündete.

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