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Anneliese Fleischer berichtet über die Aktion „Ungeziefer“ von 1952

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Von: Lydia Zahn

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Zwei Frauen
Marlies Wagenknecht (l.) und Anneliese Fleischer waren am Dienstagabend zu Gast beim Filmvortrag zum Thema Aktion „Ungeziefer“ im Salzwedeler „Eskadron“. Die Familien beider waren damals betroffen. © Zahn, Lydia

Vor knapp 70 Jahren, am 29. Mai und 5. Juni 1952, wurden tausende Menschen aus grenznahen Gebieten deportiert und somit aus ihrem Zuhause gerissen. Anneliese Fleischer, geborene Niemeyer, erlebte die Aktion „Ungeziefer“ damals als Kind mit. Sie, ihre Eltern sowie ihre Schwester mussten Haus und Hof in Cheine verlassen – ob sie wollten oder nicht.

Salzwedel – Dieses Thema wurde am Dienstagabend während einer Veranstaltung des Kickerfreunde-Vereins im Salzwedeler „Eskadron“ thematisiert. Die Veranstaltung, durch das Bundesprogramm „Demokratie leben“ gefördert, zog knapp 30 Besucher an, zur Freude des Vereinschefs Marco Heide: „Schön, dass sich so viele Leute für das Thema interessieren.“

Neben Filmen, die gezeigt wurden, standen Anneliese Fleischer und Marlies Wagenknecht – ihre Eltern wurden 1952 ebenfalls aus Cheine vertrieben – für Rückfragen bereit. Wagenknecht setzt sich seit Jahren für die Vertriebenen ein und erinnert an das Verbrechen in der DDR. Und auch unter den Gästen waren einige dabei, deren Angehörige selbst betroffen waren. Das sorgte für angeregten Austausch unter den Anwesenden.

Hartmut Bock, der als Lehrer 2001/2002 mit seinen Schülern ein Video über das Thema gedreht hatte, sollte eigentlich ebenfalls an dem Abend teilnehmen. Er sagte aufgrund der aktuellen Corona-Lage jedoch im Vorfeld ab. Den Film, in dem seine Schüler mit Zeitzeugen sprachen, wurde trotzdem gezeigt.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand aber die Geschichte von Anneliese Fleischer. Die heute 83-Jährige hat der Altmark-Zeitung im Gespräch erzählt, wie es damals für sie und ihre Familie genau ablief und wie es ihr heute geht.

Von der Schule sofort nach Hause

Es war der 29. Mai 1952, ein Donnerstag. Anneliese Fleischer, damals noch Niemeyer, war gerade 13 Jahre alt. Sie war in der Schule, besuchte die 8. Klasse, die Mittagspause stand kurz bevor. Doch dann kam ihr Klassenlehrer auf sie zu und sagte ihr, sie solle mit ihrer Schwester nach Hause gehen.

„Ich wollte meinen Ranzen stehen lassen, ich dachte ja, dass ich wiederkomme. Und ich weiß noch wie heute, dass er zu mir sagte, ich solle den mitnehmen“, erinnerte sich Fleischer. Mittlerweile ist sie der festen Überzeugung, dass er ganz genau wusste, worum es ging und warum sie nach Hause gehen sollte.

Ihre Eltern saßen bereits mit Beamten im Wohnzimmer, als sie ankam. „Die Polizei hat dann zu meinen Eltern gesagt, dass wir umgesiedelt werden“, erzählte Fleischer. Und: „Sie sagten, es sei zum Schutz unserer Familie, wegen westlicher Bedrohung. Meine Eltern haben das aber nicht geglaubt.“

Ihr Vater weigerte sich, die entsprechenden Papiere zu unterschreiben. Doch das änderte nichts. Die Familie hatte eine Stunde Zeit, ihre Sachen zu packen. Dabei wurden sie auf Schritt und Tritt beobachtet. „Wir waren umstellt.“

Sie schnappten sich Leinensäcke und sammelten so viel sie konnten in der kurzen Zeit zusammen. „Es ist so viel zurückgeblieben“, sagte die 83-Jährige, den Tränen nahe. Auch Essen durfte nicht mitgenommen werden. Die Beamten versicherten, dass die Familie in vier Wochen zurückkehren würde. Dazu kam es jedoch nie.

Draußen wartete schon ein Wagen, auf dessen Ladefläche die Familie samt Gepäck untergebracht wurde. „So, als wenn man etwas verbrochen hätte“, beschreibt Fleischer das damalige Gefühl. Die Fahrt führte zum Bahnhof in Ellenberg, wo sie und andere samt Sack und Pack in Waggons verladen wurden. Wohin die Reise gehen sollte, wusste keiner. Und die, die es wussten, sagten nichts.

Eineinhalb Zimmer statt eigenes Haus

Als der Zug an der Ritzer Brücke zum Stehen kam, sagte ihr Vater: „So, das wird wohl die Endstation sein. Hier wurden die Juden getötet, jetzt sind wir dran.“ Doch der Zug setzte sich wieder in Bewegung: Die Endstation war der Bahnhof in Delitzsch.

Von dort ging es weiter nach Seelhausen, wo die Niemeyers bei einer Familie untergebracht wurden. Eineinhalb Zimmer standen ihnen zur Verfügung. Kein Vergleich zum zurückgelassenen Haus und Hof. „Die Familie, die uns aufnahm, war selbst überrumpelt“, erinnerte sich Fleischer.

Die gebürtige Cheinerin lernte später Finanzbuchhalterin und arbeitete jahrelang im Konsum. Rund neun Jahre später, 1961, heiratete Anneliese Niemeyer, wurde somit zur Fleischer, und zog aus Seelhausen fort. Ihre Mutter war mittlerweile verstorben, ihre Schwester und ihr Vater blieben dort aber noch weiterhin wohnen, bis sich auch die Schwester vermählte.

Heute wohnt die 83-Jährige in Brinnis bei Schönwölkau (Sachsen). Sie war 44 Jahre verheiratet, bis ihr Mann 2005 verstarb. Das Ehepaar hatte das Familienglück mit zwei Töchtern komplettiert. Die damaligen Ereignisse kann sie dennoch nicht vergessen.

„Man hat mit uns gemacht, was man wollte. Es war einfach unverständlich.“ Das Grundstück in Cheine ist wieder in ihrem Besitz. Doch Haus und Hof sind verschwunden, außer grüner Wiese ist nichts mehr zu sehen. „Loslassen kann ich nicht“, sagte Fleischer.

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