Kommentar von Altmark-Redakteur Stefan Schmidt zum Thema Mauerfall und Deutsche Wiedervereinigung 

Ist es wirklich schlimm, dass wir nicht „eins“ sind?

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(Symbolbild)

In wenigen Tagen jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal. Mit diesem Ereignis wurde die Deutsche Einheit eingeläutet. Das Wort Wiedervereinigung finde ich übrigens unpassend, weil nichts „wieder“ vereinigt wurde.

Das Deutschland, das es heute gibt, existierte in dieser Form nie zuvor. Seit Wochen wird nun darüber diskutiert, dass wir Deutsche noch nicht eins sind, warum „der Osten“ so anders als „der Westen“ ist.

Da fällt mir ein Klassentreffen ein, das ich in den 1990er Jahren hatte. Es war eine Abschlussklasse in Niedersachsen, wo ich die erste Hälfte meines bisherigen Lebens verbracht habe. Und wie das bei Klassentreffen so ist: Man erzählt, was man alles seit der Schulzeit gemacht hat. Manch einer studierte noch, andere standen schon mitten im Berufsleben. Wieder andere hatten längst eine Familie gegründet. Eines einte aber fast alle: Sie lebten nach wie vor „im Westen“. Ostdeutschland war für viele im wörtlichen Sinne eine „No-Go-Area“: Da zieht man nicht hin. Da macht man höchstens mal Urlaub oder besucht die Verwandtschaft.

Ich war an diesem Abend ein Exot. Ich lebte und arbeitete bereits in der Altmark, also „im Osten“. Ungläubige Blicke. Viele Fragen. Wie es denn da so sei „im Osten“. Ob man da wirklich leben könne. Das sei doch bestimmt ziemlich öde „da drüben“.

Irgendwann schaltete ich in den Ironie-Modus um. Doch, es gebe durchaus Supermärkte „da drüben“. Man müsse nicht hungern. Und Strom gebe es auch schon. Die Straßen seien auch gar nicht mehr so holprig wie einst. Ich überlegte kurz, ob ich noch einen besonders fiesen Spruch hinterher lege, in etwa so: Wenn man im Wald steht und nach oben schaut, kann man sie entdecken: Ostdeutsche, die noch auf Bäumen leben. Aber das verkniff ich mir dann doch, des lieben Friedens willen.

Fest steht: Ost und West sind immer noch nicht eins. Es gibt weiterhin Unterschiede. Aber ist das schlimm? Es gibt auch Unterschiede zwischen Oberbayern und Ostfriesen. Und sogar „der Osten“ ist nicht eins. Mecklenburger sind ein ganz anderer Menschenschlag als Sachsen.

Ist Deutschland deshalb un-einig, weil „der Osten“ so anders als „der Westen“ ist? Da klingt immer der Vorwurf durch, die DDR-Bürger hätten sich immer noch nicht genügend verwestlicht. Dabei könnte man es auch anders herum sehen: „Der Westen“ ist bis heute noch nicht so veröstlicht wie „der Osten“.

VON STEFAN SCHMIDT

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