Groß Grabenstedterin Margit Bischoff (geb. Jennrich) kehrt einmal im Jahr in die altmärkische Heimat zurück

„Wir glaubten, der Zug fährt nach Sibirien“

Reste des Gehöfts der Sieberts. Der Bauer und seine Frau waren die Großeltern von Margit Bischoff und blieben aufgrund ihres Alters im Ort. Fotos (3): Heymann

Groß Grabenstedt / Eilenburg. Einmal im Jahr fahren Margit und Joachim Bischoff den weiten Weg vom sächsischen Eilenburg in die Hansestadt. Eine Woche lang besuchen sie dann Bekannte und vor allem die Heimatstätte aus der Vergangenheit.

Denn Margit Bischoff ist eine geborene Jennrich, eine jener Groß Grabenstedter Bauernfamilien, die im Zuge der Aktion „Ungeziefer“ 1952 aus ihrem Ort zwangsumgesiedelt wurden.

An ihrem Heimatdorf liebte Margit Bischoff vor allem die Vielfalt der dortigen Natur. Es gab außerdem einen guten Zusammenhalt im Ort.

Doch mit dem Krieg und der Zeit danach änderte sich das Leben in Groß Grabenstedt. Zunächst kamen die Flüchtlinge, dann die sowjetischen Soldaten, die im Haus von Bauer Jennrich ihre Kommandantur einrichteten.

Margit Bischoff ging damals zur Schule – in Groß Grabenstedt, Henningen, Barnebeck und Salzwedel. Dort wohnte sie bei Onkel und Tante Schachel. Am 29. Mai 1952 besuchte sie vormittags die landwirtschaftliche Berufsschule und ging am Nachmittag mit einer Freundin ins Kino. Dort wurde sie von ihrer Tante ausgerufen. Sie müsse sofort nach Hause kommen, da ihre Familie umgesiedelt wird.

Was war geschehen? An diesem späten Mai-Tag startete die von der DDR beschlossene Aktion „Ungeziefer“ – die Errichtung einer Sicherheitszone an der Westgrenze und damit verbunden die Umsiedlung nicht gesinnungstreu angesehener Bewohner.

Die Bauern waren schon am Vormittag darüber informiert worden. „Mein Vater war vollkommen fertig und nicht fähig, etwas zu packen“, erinnert sich Margit Bischoff. Eineinhalb Stunden hatten sie Zeit bekommen, ihre Habseligkeiten zusammenzupacken. Am Mittag sollte der Lkw abfahren, doch die Mutter wollte nicht ohne ihre Tochter weg. So wurde Margit Bischoff im Kino benachrichtigt.

Später kamen sie – die Familien Jennrich, Meyer und Dietrich – am Ellenberger Bahnhof an und wurden in Güterwaggons eingeladen. Der Zug fuhr bis zur Ritzer Brücke nach Salzwedel, wo weitere Ausgewiesene dazustiegen. Erst nach Mitternacht durften die Groß Grabenstedter in die Personenwaggons umsteigen und bekamen etwas zu essen. „Wir glaubten, dass unser Zug in Richtung Sibirien gelenkt wird“, so Margit Bischoff.

Bei brütender Hitze kam der Zug in Delitzsch an. Die Familien wurden auf verschiedene Orte verteilt. Jennrichs bekamen eine Notwohnung auf einem Kornboden – ohne fließend Wasser und ohne Herd.

Die Eigentümer dieser Wohnungen waren über die Neuankömmlinge nicht erfreut, weiß Margit Bischoff. „Wir wurden sehr kritisch beäugt.“

Eine Rückkehr in die Heimat blieb Wunschtraum. Viele flüchteten in den Westen. Die Familie Jennrich blieb, da Verwandte noch immer in Groß Grabenstedt wohnten. Sie reiste später wieder in die Altmark, doch erhielt sie nach kurzer Zeit die Aufforderung, den Kreis wieder zu verlassen. „Wir seien unerwünschte Personen, hieß es“, erzählt Margit Bischoff. Das Leben ging dann in Sachsen und trotz alledem in der DDR weiter. Über ihre Vergangenheit durften Jennrichs nie öffentlich reden.

1961 heiratete Margit Joachim Bischoff aus Bitterfeld. „Ich war geschockt“, so der Ehemann, als er von der Zwangsumsiedlung erfuhr. „Da habe ich mich innerlich gewandelt.“

Zu DDR-Zeiten gab es für Margit Bischoff keine Möglichkeit, Groß Grabenstedt zu besuchen. Erst im Frühjahr 1990 betrat sie zum ersten Mal wieder heimischen Boden. „Es war furchtbar, die Zustände zu sehen“, so das Ehepaar. So bleiben nur die Erinnerungen.

Von Jens Heymann

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