1. az-online.de
  2. Altmark
  3. Salzwedel

Wenn der Alltag zur Herausforderung wird

Erstellt:

Von: Lydia Zahn

Kommentare

frau
Kursleiterin Carola Schmidt weiß, wie schwer es Analphabeten fällt, sich Hilfe zu suchen. „Bei uns ist es ein Lernen ohne Leistungsdruck“, sagt sie. © Zahn, Lydia

Wenn das Bedienen eines Fahrkartenautomaten, das Lesen des Busfahrplanes oder einer Speisekarte zu einer unüberwindbaren Hürde wird, schränkt das das Leben unfassbar ein. Rund 6,2 Millionen Menschen in Deutschland und zirka 150 000 Menschen in Sachsen-Anhalt können nicht richtig lesen und schreiben. Das neue ESF-Projekt (Europäischer Sozialfonds) der Ländlichen Erwachsenenbildung (LEB) soll dabei helfen und somit das Sozial- und Arbeitsleben verbessern.

Salzwedel - Seit 2014 bietet die LEB in Salzwedel Lehrgänge für Analphabeten an. Der neue Kurs „Grundbildungsinitiative der LEB im ländlichen Raum“ ist am 10. Januar angelaufen und hat bisher sechs Teilnehmer. „Mehr als acht nehmen wir aber auch nicht an, damit wir die Zeit und Kapazitäten für die individuellen Probleme des Einzelnen haben“, erklärt Kursleiterin Carola Schmidt. Dennoch: „Hier darf sich jeder melden. Und wenn der Kurs voll ist, wird nach anderen Möglichkeiten gesucht. Denn ich weiß, was das für eine große Hürde es ist, hierherzukommen.“

Jeden Montag und Donnerstag in der Zeit von 8.15 bis 12.30 Uhr kommt die Gruppe im LEB-Standort an der Gartenstraße 28 zusammen. Dabei lernen die Teilnehmer aber nicht nur das Lesen und Schreiben. Auch Mathematik, Allgemeinbildung und Computergrundkenntnisse stehen auf dem Lehrplan. Außerdem wird den Teilnehmern bei Alltagsproblemen, wie das Schreiben einer Bewerbung, das Verstehen und Beantworten eines Briefes, geholfen. „So, dass sie Tätigkeiten ausführen können, die für uns ganz normal sind“, erklärt Schmidt.

„Die Schamgrenze ist immer noch sehr hoch“

Die Kurse laufen in Zusammenarbeit mit dem Jobcenter. „So ist der Anreiz vielleicht höher, wenn die Chance auf eine Arbeit und somit auf mehr Geld besteht.“ Und aus ihrer jahrelangen Erfahrung weiß die Sozialpädagogin: „Die Schamgrenze, es zuzugeben, ist immer noch sehr hoch. Aber wenn die Teilnehmer erst einmal den Mehrwert erkennen, lesen und schreiben zu können, arbeiten sie von selbst an sich weiter.“

Den Grundstein legt der Kurs. Wobei jeder der Teilnehmer andere Kenntnisse und Defizite hat. So lernen manche das Lesen und Schreiben von Grund auf neu. Bei anderen sind Wissen und Können ungenügend und bedürfen einer Auffrischung, beziehungsweise müssen erweitert werden. Dann wiederum gibt es die, die zwar lesen und schreiben können, es jedoch nicht verstehen. „Es fehlt das Textverständnis. Sie lesen ganz angestrengt das Wort, verstehen aber den Zusammenhang, die Bedeutung nicht“, erklärt Schmidt im Gespräch.

Zusätzlich bietet die LEB ab Donnerstag, 3. Februar, ein Lerncafé an. In der Zeit von 13.30 bis 16 Uhr steht den Besuchern eine Einzelförderung als Einstieg ins Lernen zur Verfügung. Dabei sollen Ängste sowie Minderwertigkeitsgefühle ab- und Mut aufgebaut werden. Hilfe bei Formularen, Bewerbungen und Briefen wird ebenfalls gegeben. Die Teilnahme ist kostenlos und anonym.

Wie Leben und Alltag beeinträchtigt sind

Die AZ fragte bei den Teilnehmern nach, wie sich das Ganze auf ihren Alltag auswirkt, ihr Leben beeinflusst. „Ich schäme mich, mich an andere zu wenden und nach Hilfe zu fragen. Vor allem bei Briefen, weil ich die nicht verstehe. Die sammeln sich bei mir an. Deshalb möchte ich das auf jeden Fall lernen“, erzählt Metin (Namen von der Redaktion geändert). Sein Mitschüler Markus widerspricht: „Ich schäme mich nicht, ich kann es eben nicht.“ Die AZ will von ihm wissen, warum? „Weil ich das nicht gelernt habe. Erst in der 5. Klasse haben meine Lehrer bemerkt, dass ich nicht lesen kann. Dabei hätte ich das schon seit fünf Jahren können müssen.“ Weiter geht Markus auf die Frage nicht mehr ein.

„Also ich bin durch das Schulsystem durchgerutscht. Meine Schwäche ist zwar aufgefallen, aber ich bin nicht gefördert worden“, erzählt Karl. Er ist Legastheniker. Und so schwer es ihm auch fallen mag, bemerkt er seine Lernerfolge. „Meinen Gesprächspartnern, mit denen ich schreibe, ist es auch aufgefallen“, berichtet er stolz.

Alexandra besucht den Kurs nicht nur für sich, sondern auch ihren Kinder zuliebe. „Ich kann das zwar alles, aber ich möchte mich verbessern. Ich habe einen Realschulabschluss, aber es kommt ja immer wieder Neues dazu“, sagt Alexandra. Sie möchte ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen können sowie ihre eigene Rechtschreibung und Satzbildung verbessern.

Oft auf Hilfe angewiesen

Dann erzählt Metin von einer Situation, die vielen Analphabeten bekannt vorkommen dürfte. „Ich kann keinen Fahrkartenautomaten bedienen. Ich hatte schon mal geplant, einem Taxifahrer fünf Euro zu geben, damit er das für mich macht“, vertraut er sich der Gruppe an.

„Die Leute, die wirklich nicht lesen und schreiben können, sollten sich ans Herz fassen und einen Kurs aufsuchen“, betont Markus mit strengem Blick. Karl ergänzt: „Das ist eine sehr wichtige Sache.“

Auch interessant

Kommentare