Menschen kommen zum Reden

Wenig Umsatz, viele Gespräche in Salzwedels Tankstellen

Tankstellen-Mitarbeiterin Juliane Patan mit der Merci-Schachtel und dem handschriftlichen „Danke fürs Durchhalten“.
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Tankstellen-Mitarbeiterin Juliane Patan mit der Merci-Schachtel und dem handschriftlichen „Danke fürs Durchhalten“.

Salzwedel – Alles ändert sich. Beispiel Diesel: Sonnabendmittag in Salzwedel an der SB 1,08 Euro pro Liter, vor genau einem Jahr waren es 1,26 Euro. Super am Sonnabend 1,25 Euro, vor einem Jahr 1,40 Euro. Aber kaum jemand tankt.

„Die Leute sind zu Hause, viele fahren nicht mehr zur Arbeit“, so Heike Burchardt, Pächterin der SB an der Thälmannstraße. So bleibt der Umsatz aus. Kollegen müssen in die Kurzarbeit. Weil ebenso der Umsatz im Shop fehlt. Drinnen darf niemand mehr sitzen. Mit der Bockwurst und dem Stück Kuchen wandert kaum jemand nach draußen. Also Flaute. Eine Zahl macht die Runde: minus 57 Prozent bei allem.

Wenig Kundschaft an der Tanke. Trotz guter Preise an den Säulen.

Was Heike Burchardt auffällt, ist der Redebedarf der Menschen. Die wenigen Kunden bleiben einige Minuten länger. Sie erzählen. Und komischerweise kaum von der grassierenden Krankheit. Davon hören sie im Radio und Fernsehen genug. „Es sind ältere, die Angst vor dem Alleinsein haben. Die sich freuen, dass jemand mit ihnen redet“, erzählt die Chefin. Das äußert sich manchmal darin, dass einige der Leute jeden Tag vorbeikommen. Nur ein wenig tanken, um wieder da zu sein. Manchmal bleibt aufgrund der weniger gewordenen Kunden auch Zeit. Und manchmal gibt es auch etwas Schokolade. „Danke fürs Durchhalten“, steht auf einer Schachtel. „Wir finden es schön. Eine Art Anerkennung für den Job“, sagt Angestellte Juliane Patan.

Die Corona-Krise legt das Land lahm, und die, die es auch hautnah mitbekommen, sind die Tankstellen. Die bekanntermaßen nicht allein vom Verkauf des Diesels und Benzin leben können, sondern eben auch vom Shop. „Die Menschen, die nun nicht zur Arbeit fahren müssen, fahren zu den Märkten und Discountern“, sagt die Pächterin. Und erklärt, dass die Öffnungszeiten verkürzt sind. Das wird nicht von allen positiv aufgenommen. „Aber jeder muss sehen, wie er jetzt am besten durchkommt“, sagte Heike Burchardt. Ein Blick in den Verkaufsraum zeigt: Alles da, für einen Abend oder einen ganzen Tag. Das Brötchen, die Bockwurst, der Kaffee sind zu haben. Und auch Kondome und Klopapier – das Gold der heutigen Zeit. Angenehm weich, steht drauf. Man soll nicht sagen, es gibt nichts. Eine nette Kundin unterbricht das Gespräch. Selten, dass alle Menschen einen gemeinsamen Wunsch haben: Ein Ende der Epidemie, die so viel kaputtmachen kann. Bei den Menschen und bei der Wirtschaft.

VON HARRY GÜSSEFELD

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