„Wir schießen nicht auf unsere Leute!“

Wendeerfahrungen: Ein Salzwedeler berichtet von seinen persönlichen Erlebnissen

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Der Salzwedeler Maik Baumann vor 30 Jahren und heute (Foto) mit jener Ausrüstung – Schild und Helm – die zu Wendezeiten an die Grundwehrdienst leistenden Bereitschaftspolizisten ausgegeben wurden. 

Salzwedel – Genau zur Wendezeit durfte ich noch nicht nach Hause, weil ich genau zu dieser Zeit meinen Wehrdienst ableistete – bei der Bereitschaftspolizei in Potsdam.

Ein Verwandter hatte mich überzeugt, doch das schnell zu machen, damit ich danach einen guten Posten haben könnte. Ich arbeitete damals als Koch im Erdgasbetrieb. Und ich wurde (bei meinem Glück) im Mai 1989 auch noch eingezogen. Na ganz toll.

Fresspaket am Bahnhof

Gesagt getan und sogar die Grundausbildung überstanden. Auf einmal durften wir nicht einmal mehr in den wohl verdienten Ausgang und es sickerte langsam durch, dass Tausende demonstrierten. Ich habe die Welt nicht mehr verstanden.

Ab dann haben sich die Ereignisse überschlagen. Befehl: Absicherung eines Bahnhofs, weil dort ein Flüchtlingszug durchfuhr und wir Personen, die vielleicht noch aufspringen wollen, daran hindern sollten. Bis heute weiß ich wirklich nicht, an welchem Bahnhof wir dort waren. Auf jeden Fall hatte uns die Küche ein Fresspaket mit gekochtem Ei, Bananen, Apfelsinen und anderen tollen Dingen zusammengestellt. Auf einmal ging das alles.

Ich hatte das erste Mal die Hose so richtig voll

Ein paar Tage später kam dann der Befehl: Nach Berlin! Zuerst war es nur die Absicherung der Feiern zum 40. Jahrestag der DDR. Danach wurde es dann richtig heftig. Wir wurden in Alarmbereitschaft versetzt und mit einem Lkw W 50 zur Grenze gekarrt.

Der Salzwedeler Maik Baumann vor 30 Jahren als Grundwehrdienstleistender der Bereitschaftspolizei. 

Wir saßen uns mit geladenen Waffen und voll aufmunitioniert auf der Ladefläche des Lkw gegenüber. Keiner älter als 20 Jahre. Da hatte ich das erste Mal die Hose so richtig voll und meine Beine haben wirklich geschlottert. Endlich sprach dann jemand aus, was uns alle bewegte: „Würdet ihr wirklich auf unsere eigenen Leute schießen?“ Da waren wir uns alle einig: Natürlich nicht!

Trotzdem standen wir auch später Demonstranten gegenüber und uns wurde mitgeteilt, dass wir uns von Häuserwänden fernhalten sollen, weil auf uns „Bullen“ schon kochendes Fett aus Fenstern geschüttet worden war. Außer einer sogenannten Sperrkette brauchten wir an unserer Stelle nichts zu machen.

Ab in den „Goldenen Westen“

Danach war erst einmal bei allen Kameraden und mir Schockstarre. An Ausgang war sowieso nicht zu denken, aber man wusste ja auch, da sind welche zu Hause und die machen sich große Sorgen. Das hatte mit Grundwehrdienst auch schon lange nichts mehr zu tun.

Endlich kam der Tag, an dem auch wir mal nach Hause durften. Jetzt konnten auch wir nach drüben schauen. Da war er nun, der „Goldene Westen“. Durch Westpakete hatte man gewisse Vorstellungen. Begrüßungsgeld geholt und dann endlich los. Ich war fix und fertig. Alles war greifbar. Sofort wurde eine Langspielplatte im Supermarkt gekauft (Chris de Burgh).

Knallroter Opel: Der erste Westwagen

Danach kam meine erste Begegnung im Aldi in Lüchow. Mir hatte man noch erzählt, wie sich alle mit uns gefreut hatten. Nun waren ja schon ein paar Tage vergangen und die Herzlichkeit schien verloren gegangen zu sein. Ich wurde gleich von der Kassiererin angeblafft: „Na, keinen Warentrenner auf dem Band? Wohl wieder einer aus dem Osten.“ Ich war begeistert.

Trotzdem war ich in Goldgräberstimmung. Auf einmal standen dort Autos am Straßenrand, die man schon mit kleinem Portemonnaie kaufen konnte. So kam es, wie es kommen musste: Da stand er nun, ein knallroter Opel mit über 100 PS. Und das auch noch zu einem erschwinglichem Preis – wenn man eine Mutter hat, die nicht „nein“ sagen kann.

Das war er nun, mein erster Westwagen. Es dauerte keine zwei Tage, dann fing der doch wirklich an herumzuzicken. Habe ihn dann gleich in eine Werkstatt gebracht. Als ich den Wagen wieder abholen wollte, traute ich meinen Augen kaum. Der Werkstattmeister stach dauernd mit einem Schraubenzieher durch mein Auto. Das fand ich natürlich gar nicht witzig. Er hat mir dann aber gleich deutlich erklärt: „Wärst du mit dem Auto mit Gepäck in den Urlaub gefahren, wärst du ohne Koffer angekommen.“ Der Kofferraum bestand nur aus zusammengeleimten Zeitungen, die in Wagenfarbe lackiert worden waren.

Eine „Bravo“ für die Kinder

Genau einen Tag vorher habe ich mich noch riesig über einen Drücker gefreut, der wirklich zu mir in den 6. Stock gekommen war, um mir eine Zeitung anzubieten. Ich war echt beeindruckt und habe noch Käffchen gekocht. Der arme Kerl. Da habe ich doch glatt noch ein Abo dazu bestellt. Endlich hatten auch die Kinder eine „Bravo“ und ich ein vernünftiges Fernsehheft. Was war man doch naiv.

Heute lachen wir im Bekanntenkreis herzhaft darüber und man will ja auch die alte DDR-Zeit nicht mehr zurück. Das waren eben für mich die ersten Monate nach der Wende.

VON MAIK BAUMANN 

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