„Wasser ist einzige Möglichkeit“

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Andreas Razlaff zeigt auf ein Bild des Reaktorunfalls in Tschernobyl. Dort hat der heute 58-Jährige gearbeitet. Die Dokumente links belegen seine Ausbildungen in Sachen Strahlenschutz.

Salzwedel - Von Ulrike Meineke . Was gerade in Japan passiert, hat Andreas Razlaff schon einmal erlebt. In Gedanken ist der 58-Jährige dieser Tage bei den Menschen des Inselstaates im Pazifik. Und er weiß, wovon er redet, wenn er von „Schwammtechnologie“ und Sprühwasser aus der Luft spricht.

Andreas Razlaff wurde als Russe mit deutschen Wurzeln am Ural geboren, hat im Atomkraftwerk Tschernobyl gearbeitet, bis er 1993 direkt von dort nach Deutschland ausgewandert ist. Nach dem Reaktorunglück 1986 stand Razlaff an den Turbinen, die von dem Reaktor zur Stromerzeugung agetrieben wurden. Er hat sich damals freiwillig für die Arbeit an dem Unglücksort gemeldet. Auch, weil er von 1972 bis 1974 bei der Armee im sibirischen Omsk für die Entaktivierung nach einem Atomunglück ausgebildet worden war.

„Es war klar, dass es in Tschernobyl noch strahlt, aber das hat mich nicht interessiert“, sagt Razlaff heute. Was jetzt in Japan bereits an zwei Reaktoren passiert ist, „war in Tschernobyl genauso“. Im Pazifik sind allerdings sechs Reaktoren betroffen. „Ich denke oft darüber nach, was man in Japan noch machen könnte“, erzählt der Salzwedeler und schildert, wie oft am Tag er Ende der 80er Jahre duschen musste, um die Belastung möglichst gering zu halten. Razlaff wohnte damals in der „Zukunftsstadt“ Slawutitsch, 40 Kilometer von Tschernobyl entfernt. „Bevor die Stadt gebaut wurde, ist die ganze Gegend immer und immer wieder mit Wasser gesäubert worden“, unterstreicht er die Wichtigkeit des nassen Elements nach solchen Unglücksfällen.

„Wasser ist die einzige Möglichkeit, und der Pazifik ist groß“, hat der Experte insbesondere die 35-Millionen-Metropole Tokio im Blick. Im Moment zieht der Wind auf den Pazifik hinaus, „aber das kann sich auch ganz schnell ändern“. „Der Regen bringt die Strahlung überall hin“, macht Andreas Razlaff deutlich.

Sechs Reaktoren stehen in Japan direkt an der Küste, vier davon sind schon kaputt. „Bei zweien hat man versucht, für die Kühlung den Deckel abzunehmen“, hat Razlaff beobachtet, der noch eine Möglichkeit sieht, Tokio „und die Welt“ zu schützen: Die Flugzeugträger der Amerikaner, die vor der Küste liegen, „haben die Technik zum Feuerlöschen mit Wasser aus dem Pazifik“. Warum, so fragt der Experte, nutzt man diese Technik nicht, um die Radioaktivität in der ganzen Gegend mit Sprühwasser niederzudrücken? Die Luft mit Sprühregen von Schiffen aus säubern und so „das Unglück nicht weitertragen“, empfiehlt der Fachmann aus seinen Erfahrungen und aus seinem Wissen heraus. „Jeder Experte ist auch nur ein Mensch“, zuckt er die Schultern und rät weiter zur so genannten „Schwamm-Technologie“. Heißt: In der ganzen Gegend Schwammmaterial verlegen, um auch das Grundwasser vor der radioaktiven Verseuchung zu schützen.

„Ich kenne die Schäden“, sagt der Salzwedeler mit starrem Blick. Er hat sie in der Ukraine gesehen, und er sieht sie auch Jahr für Jahr in Deutschland. Der Salzwedeler fungiert im Kloster Dambeck als Dolmetscher, wenn die so genannten „Tschernobyl-Kinder“ dort Ferien machen.

Andreas Razlaff hofft, dass die Veröffentlichung seiner Erfahrungen und Ratschläge „irgendwie in Japan ankommt“. Er will nicht klug reden oder sich wichtig machen, sondern „einfach nur helfen“.

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