Leben und Wirken von Helga Weyhe während einer Feststunde gewürdigt

„Was zählt, ist das Leben in den Jahren“

+
Zur Ehrenbürgerschaft Helga Weyhes hat der Salzwedeler Künstler Andreas Neuling die Buchhändlerin auf einer Seite im Ehrenbuch gezeichnet.

Salzwedel. „Ich habe heute eine unglaubliche, nein eine glaubhaft freundliche Gesellschaft erlebt.

“ Mit diesen gewohnt kurzen, aber präzisen Worten dankte Deutschlands älteste aktive Buchhändlerin gestern im Salzwedeler Ratssaal allen Rednern, die das Leben und Wirken der Helga Weyhe mit zu Herzen gehenden Worten beschrieben hatten. Helga Weyhe wurde gestern 90, und dies nahm Oberbürgermeisterin Sabine Danicke zum Anlass, sie zur Ehrenbürgerin der Hansestadt zu ernennen. Diese Ehre wurde seit 1832 nur zwölf Menschen zuteil.

Danicke hatte zuvor davon gesprochen, dass Kommunikation die Geschäftsphilosophie von Helga Weyhe sei, die seit nunmehr 67 Jahren in dem gemütlichen Buchladen an der Altperverstraße 11 zu finden ist. Es sei der „Mix aus Menschlichkeit und Rationalität“, der Helga Weyhe so besonders mache. Stets finde sie klare, präzise Worte wie: „Wenn ich das so sage, ist das auch so“, zitierte die Oberbürgermeisterin. Weyhes „geradlinige Daseinsbewältigung“ sei in allen drei Gesellschaftssystemen, die die 1922 Geborene durchlebt hat, kons-tant geblieben. Eines ihrer weiteren Verdienste für Salzwedel sei die Gedenktafel an der ehemaligen Synagoge. Danicke würdigte in diesem Zusammenhang, dass Helga Weyhe auch heuten noch den Kontakt zu jüdischen Frauen in Israel pflegt, die das KZ überlebt haben.

Danicke erinnerte auch an die Festrede, die Helga Weyhe 1997 aus Anlass der 750-Jahr-Feier der Neustadt hielt. Die 90-Jährige erkenne und vermittle Lebensweisheiten, nicht zuletzt durch die wechselnden Sprüche an ihrer Ladentür: „Wir haben ein Problem mit Soll und Haben – wir sollten, aber wir haben nicht!“ Helga Weyhe beobachte sensibel und erspüre, was der Stadt fehlt – und wenn es nur irgendwo ein Papierkorb ist. Sie liest gern, geht mit offenen Augen spazieren, mag Goethe. „Es zählen nicht die Jahre im Leben, sondern das Leben in den Jahren.“

Auch Bibliotheks-Chefin Bettina Mühe stellte die Einmaligkeit der Persönlichkeit heraus, während Regine Lemke vom Börsenverein des deutschen Buchhandels das Geschäft in Salzwedel als „besonders und herausragend“ bezeichnete. Lemke schenkte der Salzwedelerin das Buch „Die schönsten Buchhandlungen Europas“ mit der Bemerkung: „Eigentlich gehören Sie da mit rein.“

Geschenke und Glückwünsche konnte die 90-Jährige gestern vielfältig entgegennehmen. Jürgen Kupfer und Jost Fischer von der Werbegemeinschaft überreichten eine Urkunde mit dem Schriftzug „Nysmarkt“, denn diesen Namen, den der traditionsreiche Salzwedeler Dionysiusmarkt seit diesem Jahr offiziell trägt, ist Helga Weyhe zu verdanken. Diomarkt, Dinomarkt – diese Verballhornung des Dionysiusmarktes nervte die Buchhändlerin, die daraufhin anregte, den Nysmarkt so zu nennen, wie er schon immer hieß: Nysmarkt. So schrieb sie das Wort „Nysmarkt“ auf ein Lesezeichen, Kupfer und Fischer kopierten es auf die Urkunde und erinnerten damit an dieses Verdienst.

Die Ehrenbürgerschaft war eine Überraschung für Helga Weyhe. Der Stadtrat hatte sich zuvor einstimmig dafür ausgesprochen, ihr diese Ehre zuteil werden zu lassen. Bis gestern blieb dies jedoch ein gut gehütetes Geheimnis.

Sie habe „viel Freundlichkeit“ erfahren, dankte Helga Weyhe zum Abschluss und gab allen mit auf den Weg, dass die so viel zitierte „kalte Gesellschaft“ nicht kalt sein muss. Es liege an jedem selbst.

Von Ulrike Meineke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare