Wie feiern Hochschwangere und Hebammen im Bereitschaftsdienst das Fest der Liebe? – Eine Adventsgeschichte

Was wäre Weihnachten ohne Kinder ...

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Johannes hatte es am 6. Januar 2004 ziemlich eilig. Der kleine Mann kam als spontane Hausgeburt auf die Welt – im Anschluss ging es für ihn und seine Mutter Uta Barthel zur Kontrolle ins Krankenhaus. Immer an ihrer Seite: Babett Gerke.

Salzwedel. Was wäre Weihnachten ohne Kinder? fragt derzeit eine bekannte Schokoladenmarke in ihrer Weihnachtswerbung? Böse Zungen antworten darauf: „Billiger, was denn sonst?“ Dem können Uta Barthel (46) und Babett Gerke (43) aber in keiner Weise zustimmen. Für die beiden Frauen ist Weihnachten erst so richtig Weihnachten mit ihren Kindern.

Seit fast 19 Jahren immer noch in Freundschaft verbunden: Uta Barthel (links) und ihre Hebamme Babett Gerke.

Wie aber feiert eine Hochschwangere das Fest der Liebe, wenn es jederzeit losgehen könnte? Und auf der anderen Seite eine Hebamme, die 24-Stunden-Rufbereitschaft hat – auch an Feiertagen? Uta Barthel und Babett Gerke kennen sich seit 19 Jahren und haben so manches miteinander erlebt. Wie die zwei Geburten von Uta Barthel. Es war Weihnachten 1999. Uta Barthel war hochschwanger. Die Tasche für die Klinik schon längst gepackt. Eigentlich hätte es jederzeit losgehen können. So ganz unkompliziert war die erste Schwangerschaft der Kleistauerin nicht: Schwangerschaftsdiabetes. „So musste ich mich beim Weihnachtsessen zurückhalten. Alle waren pappsatt und ich hätte noch so viel essen können“, erinnert sie sich. Am schlimmsten war aber die Sorge um das Kind. Gemeinsam mit ihrem Mann und Eltern verbrachte sie die Festtage. „Es lief entspannt. Bis es am zweiten Weihnachtstag hieß: Ab ins Krankenhaus. Da war mir schon ziemlich mulmig zumute“, schildert Uta Barthel im AZ-Gespräch.

Millenium-Baby in Salzwedel

Am 27. Dezember ging es dann ins Klinikum. Auch für Babett Gerke eine stressige Zeit. Sie war damals selbst frisch Mutter und hatte zuhause neben ihrem Mann noch zwei Töchter im Alter von drei Jahren und knapp neun Monaten.

Vier Tage versuchten die Ärzte, die Geburt einzuleiten. Aber nichts passierte. Für beide Frauen eine kräftezehrende Situation. Babett Gerke erinnert sich: „Ich bin nur zum Schlafen nach Hause. Mein Mann hat sich um die Kinder gekümmert – ich habe zu dem Zeitpunkt auch noch gestillt.“

Und dann stand der Jahreswechsel vor der Tür. „Mein Mann hatte eine riesige Fete in unserer Garage geplant. Dass ich bei Feierlichkeiten öfter weg musste, das kennt er schon seit Jahren. Es ist ein Spagat zwischen Arbeit und Familie“, wirft Babett Gerke ein. Manchmal hatte sie schon ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrer Familie.

Aber zurück zum Silvestertag 1999. Während draußen das neue Jahrtausend begrüßt wurde, saßen Uta Barthel und Babett Gerke im Krankenhaus und warteten. Und warteten. Fast einen ganzen Tag dauerte es, ehe sich Uta Barthels Sohn Martin am 1. Januar 2000 um 22.30 Uhr auf den Weg in die Welt machte.

Mit dem ersten Kind kamen auch neue Herausforderungen. Auch für die folgenden Weihnachtsfeste. „Wir haben uns da schon mehr Gedanken um die Standsicherheit des Tannenbaumes gemacht“, erzählt Uta Barthel lachend. Kurz kam auch die Überlegung auf, ob nicht einfach das Laufgitter um den Weihnachtsbaum herum aufgestellt werden sollte.

Es scheint ungewöhnlich, dass Hebamme und Patientin nach all den Jahren noch so in Freundschaft verbunden sind. Aber für die beiden Frauen sind all die geteilten Momente unvergesslich. „Es ist einfach ein gutes Vertrauensverhältnis. Wenn man sich über Monate sieht, über private Dinge spricht, das verbindet“, so Babett Gerke und Uta Barthel. „Vor allem, dass man sich als Schwangere auf seine Hebamme verlassen kann, ich fühlte mich einfach umsorgt“, schildert Uta Barthel der AZ.

Eine spontane Hausgeburt

Am 1. Januar 2000 erblickte Martin das Licht der Welt – und stellte damit das Leben seiner Eltern gehörig auf den Kopf.

Drei Jahre später war die Kleistauerin erneut schwanger – wieder über die Weihnachtsfeiertage. Und wieder musste sie auf sich und ihr Ungeborenes aufpassen, da erneut eine Schwangerschaftsdiabetes akut war. Die Feiertage kamen und sie gingen wieder. Dann stand das neue Jahr vor der Tür. Am 6. Januar, zum Tag der Heiligen Drei Könige, klingelte morgens um 5 Uhr das Telefon bei Babett Gerke los. Am anderen Ende: Torsten, der Mann von Uta Barthel. „Ich glaube, es geht los“, war alles was die Hebamme hörte. Keine fünf Minuten später – Babett Gerke stand gerade im Bad und putzte sich die Zähne – läutete das Telefon erneut: „Das Kind ist da“, stammelte der frischgebackene Vater in den Hörer. Die Hebamme setzte sich ins Auto. Eine halbe Stunde Fahrt lag vor ihr. In der Zwischenzeit alarmierte Familie Barthel den Rettungswagen und auch der Hausarzt der Familie kam vorbei. „Ich werde nie vergessen, wie ich in Kleistau angekommen bin und der Hausarzt, der ja auch schon ein älterer Herr war, zu mir sagte ‘Es wäre mir eine Ehre, wenn ich Ihnen assistieren darf“, erinnert sich Babett Gerke mit einem Schmunzeln.

Johannes heißt der kleine Erdenbürger, der an diesem Morgen im Januar 2004 so stürmisch auf die Welt kam. Babett Gerke nabelte den kleinen Mann ab und untersuchte ihn, dann ging es warm eingepackt im Krankenwagen ins Klinikum nach Salzwedel. „Es musste einfach alles noch einmal gründlich durchgecheckt werden wegen der Schwangerschaftsdiabetes. Sonst hätte die kleine Familie sich auch einfach wieder glücklich, aber erschöpft ins Bett legen können“, schildert Babett Gerke. Sie und der frischgebackene Vater sind im Anschluss noch einen Kaffee trinken gegangen – auf den Schreck. Auch das gehört zum Alltag einer Hebamme.

Weihnachten mit Kindern liegt ein ganz besonderer Zauber inne. Die Aufregung all die Tage vorher, die Geschenke, die herbei gewünscht werden und der Glaube an den Weihnachtsmann. „Bei uns war das mit dem Glauben schnell vorbei, als meine älteren Töchter bemerkt haben, dass der Besen, den der Weihnachtsmann mit hatte, sonst immer bei den Nachbarn auf dem Hof stand“, schmunzelt Babett Gerke.

Der Beruf als Hebamme ist für Babett Gerke nicht nur ein Job, sondern eine Lebensaufgabe. Seit 20 Jahren, so verrät sie, war jeder Tag mit ihrem Mann und ihren vier Kindern durchorganisiert. Spontan in den Urlaub fliegen? Nein, das ging nicht, wehrt sie ab. „Drei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin meiner betreuten Schwangeren war ich in Rufbereitschaft.“ So kam es schon einige Mal vor, dass ihr Mann mit den Kindern alleine in Urlaub fahren musste.

Und wie ist das heutige Weihnachtsfest?

Wie feiern die beiden Familien heute Weihnachten? Hat sich alles eingespielt? Bei Uta Barthel ist es ruhig an den Feiertagen. „Wir sind eine kleine Familie, die weit auseinander wohnt. Obwohl: Bei uns gibt es viele Feiern in kürzester Zeit, da kommt einiges zusammen“, erzählt sie. Zunächst Weihnachten, dann am 30. Dezember der Geburtstag eines guten Freundes, der zu Silvester bei Familie Barthel mit von der Partie ist. Dann der Jahreswechsel selbst und am Neujahrstag der Geburtstag des ältesten Sohnes. Und nur fünf Tage später der Geburtstag des Jüngsten.

Für Babett Gerke gab es in den vergangenen Jahren eine gewaltige Umstellung in der Familien- und Berufsplanung. Der Vertrag als externe Beleghebamme wurde vom Altmark-Klinikum gekündigt. Eine neue Arbeitsstelle hat sich auf der Geburtsstation im Wolfsburger Krankenhaus ergeben. „Allerdings ist das nicht das Gleiche. Ich habe keine so intensive Bindung an die Frauen, wie ich sie zu meinen Patientinnen hatte, die ich die komplette Schwangerschaft über betreut habe“, erzählt sie mit Wehmut in der Stimme. Und in der Altmark? Da ist Babett Gerke noch als Hebamme für die Vor- und Nachsorge unterwegs. Geburten im Altmark-Klinikum darf sie nicht mehr leiten oder durchführen. „Und aufgrund der hohen Haftpflichtversicherungsbeiträge biete ich keine Hausgeburtsbegleitung mehr an“, so Babett Gerke.

Traditionspflege an den Festtagen

Von Vorteil allerdings bei der Festanstellung sind die Arbeitszeiten. So arbeitet sie in diesem Jahr nur an einem Feiertag. Da wird im Team auf der Station gefeiert, sofern es die Zeit zulässt. Und ansonsten werden Pläne mit der Familie geschmiedet. „Eine meiner Töchter ist derzeit in Las Vegas. Sie möchte unbedingt bei der Bescherung dabei sein, da werden wir sie per Video-Telefonie dazu schalten“, so die Hebamme voller Freude.

Traditionen sind wichtig – gerade in der Weihnachtszeit: Seit Jahr und Tag gehört bei Familie Gerke das Krippenspiel in der Kirche dazu. „Das ist für uns der Zauber von Weihnachten. Wenn alle in der Kirche sind, laufen mein Mann oder ich noch mal ganz kurz nach Hause, machen Musik und alle Lichter an – und wenn wir dann nach Hause kommen, tun immer alle ganz überrascht“, erzählt Babett Gerke mit einem herzlichen Lachen. Anschließend werden die Geschenke ausgewürfelt – was gut und gerne auch mal zwei Stunden dauern kann. Aber so und nicht anders soll Weihnachten gefeiert werden für die Freundinnen – im Kreise der Familie umgeben von ihren Kindern.

Von Katja Lüdemann

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