Ingmar Stadelmann im Hanseat: „Was ist denn los mit den Menschen?“

Vorpremiere: Gelungen

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Zu spät kommen, dazwischen quatschen, einmal telefonieren, noch ein weiteres Mal – da reichte es Ingmar Stadelmann und er ließ sich das Handy geben.

Salzwedel. Der Prophet gilt nichts im eigenen Land, sagt man, aber das gilt nicht für Ingmar Stadelmann.

Am vergangenen Sonnabend zeigte der Berliner Radiomoderator und Comedian mit altmärkischen Wurzeln sein abendfüllendes Stand-up-Programm im fast ausverkauften Salzwedeler Hanseat. Allein in den vorderen Reihen blieben einzelne Plätze frei – man kennt ihn und seine bösen Sprüche halt, auch acht Jahre und zehn Monate nach seinem bislang letzten Auftritt im Hansa. Es ist so was wie die Generalprobe, die erste Stadelmann-Solotour startet am 25. Januar im Berliner Friedrichstadtpalast.

Den ersten Applaus lässt Ingmar wiederholen, „das war mehr so Gardelegen, nochmal“. Die drittgrößte Stadt Deutschlands bekommt später erneut ihr Fett weg, als sich auf Nachfrage ein Einwohner zu erkennen gibt. „Ah, du kannst sprechen! Dann wird dich dieses Thema interessieren: Sex mit Tieren“, leitet der 30-jährige Berliner über.

Am Anfang improvisiert er mit dem Publikum, die teils bösen Spötteleien verteilt Ingmar auf mehrere Leute, die das ihm anscheinend auch nicht böse nehmen. „Und Sie sind Vater und Tochter? ... Ja, das sage ich auch immer, wenn einer fragt...“

Der Auftritt in Salzwedel ist auch deshalb etwas Besonderes, weil nur dort die erste Reihe quasi komplett mit der Stadelmann-Familie besetzt ist, aber hinterher sagt Ingmar im AZ-Gespräch: „Das kenn ich ja noch von früher, von meinen Wohnzimmerauftritten.“ Ein paar familiäre Erinnerungen finden sich am Anfang des Programms, wie zum Beispiel Vater Jürgen früher über die Pickel des Sohnes spottete, „ein Schlag auf den Hinterkopf und vorne ist Silvester!“ Und dann das Nacktgrillen: „Wir waren ja Ossis, wir hatten ja nix!“, wenn der Papa im Adamskostüm dem verwirrten Sohne eine Wurst anbot. Der Saal lacht, Vater Jürgen schmunzelt in sich hinein.

Vom Aufwachsen im Osten gehts zu Beziehungsreflektionen und Tipps. Viele Pointen und Wörter sind dabei, die man nicht unbedingt in der Zeitung schreiben will, Ingmar Stadelmann kennt keine Tabus, das ist sein Anspruch. Der an Heiligabend verstorbene Jopi Heesters wird erwähnt. „Kommt der eigentlich Ostern wieder?“ und einen richtigen „hohoho, hat er das wirklich gesagt“-Lacher bekommt der Comedian, als er in dem Zusammenhang erwähnt, dass 100-jährige Eier in China ja eine Delikatesse sind.

Ingmar Stadelmann verschwindet, um dann im weißen Ganzkörpermaleranzug wieder aufzutauchen. „Das ist Kunst!“, er reflektiert über dumme TV-Werbung und fragt sich „Was ist denn los mit den Menschen?“ So heißt ja auch sein Programm.

Bei Heidi Klum bezweifelt er, ob sie eigentlich mit Großfamilie und viel Geld noch Fernsehen machen muss, und Tine Wittler bekommt richtig ihr Fett weg: Bei einer Wohnungsverschönerung habe sie die Urne eines verstorbenen Ehemannes gegen eine IKEA-Vase ausgetauscht, berichtet Ingmar, das habe er dann später auch mit Wittlers Grabstein vor! Das Publikum ist trotz angekündigter Grabschändung begeistert, gut an kommt auch „die gehört auf den Kinderspielplatz, als Hüpfburg“.

Einen Höhepunkt, über den die Gäste zweigeteilter Meinung sind, setzt dann ein spät erscheinender Gast, der sich als Ex-Mitschüler des Künstlers vorstellt, die Pointen laut wiederholt und sich auch von bösen Stadelmann-Sprüchen in seine Richtung nicht bremsen lässt. Die rote Linie ist aber überschritten, als eine seiner Begleiterinnen gleich zweimal im Saal telefoniert – das nervt nicht nur die umsitzenden Gäste. Ingmar spricht sie erst direkt an: „Zuhören heißt auch, nicht mit dem verfickten Handy zu telefonieren!“, und lässt sich dann das Gerät auf die Bühne geben. „Otto sagt, mit der Creme geht der Pilz bald weg“, und setzt noch ein paar Sprüche drauf.

Am Ende des Programms wendet der Comedian alles in eine bis dahin ungewohnte Richtung. „Ist das zynisch?“, fragt er, und beantwortet die Frage selbst: „Nein. Zynisch sind 500 000 hungernde Kinder in Afrika und 109 Milliarden Euro Soforthilfe für Griechenland.“ Doch nach dieser aktuell-politischen Kritik ist nicht Schluss, die Leute sollen lachend nach Hause gehen. Ingmar zeigt noch mit Hitlerbärtchen einen seiner Klassiker, den Führer als Kontroletti in der Berliner S(S)-Bahn. Dann ist es wirklich vorbei. Das Publikum jubelt, und der Künstler verlässt seine Rollen, bedankt sich und erinnert daran, dass sein letzter Auftritt im Hanseat acht Jahre und zehn Monate her sei, ein echtes Comeback also. Sein Management, erzählt er, habe den Wunsch, „im Nirgendwo“ aufzutreten, nicht verstanden. Die Anwesenden sind sich einig: Hat sich aber gelohnt. Viele holen sich Autogramme ab, eine seiner Ex-Lehrerinnen gleich mehrere – für die Kollegen. Franziska aus Salzwedel möchte unbedingt das Hitlerbärtchen, das eigentlich ein Chaplin-Bärtchen ist, haben, für den Krankenhausbesuch bei Papa – und bekommt es.

Das Publikum ist zufrieden und der Künstler auch. Im AZ-Gespräch sieht er noch ein bißchen Optimierungspotenzial – „die Improvisation am Anfang hat länger gedauert als geplant“ –, weswegen die Premiere am 25. Januar in Berlin etwas anders ablaufen soll. Einig sind sich die Gäste und Ingmar Stadelmann auch in einem Wunsch: Die Salzwedeler haben „ihren“ Comedy-Propheten nicht vergessen, bis zum nächsten Auftritt in Salzwedel sollen nicht wieder fast neun Jahre vergehen.

Von Steffen Hamann

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